Projektionsfläche Esel: Balthazars Appell

Klack, klack. Das dumpfe Geräusch eines Eselshufes auf dem steinharten Boden der Bühne durchbricht die Stille, die sich über die Zuschauer-Reihen gelegt hat.  Die Reaktionen des lebendigen Tieres beeinflussen maßgeblich die Dramaturgie des Stückes „Balthazar“. Unberechenbarkeit wird hier zur künstlerischen Strategie.

Die Theater-Performer Tabea Magyar und Renen Itzhaki untersuchen in diesem Stück interaktiv mittels Bewegungen verschiedener Schnelligkeiten und Körperhaltungen die äußerliche Rezeption des Tieres. So beginnen die beiden schnellen Schrittes zu laufen, der Klang ihrer Schuh-Absätze auf dem Boden erinnert an trabende Hufe – plötzlich fallen beide der Länge nach und bleiben regungslos liegen. Der Esel spitzt die Ohren und dreht seinen Kopf in die Richtung des Geschehens. In anderen Situationen legt das Tier seine Ohren an, entleert seine Mageninhalte und gibt schrille Laute von sich. Der Zuschauer versteht recht schnell, dass es bei der Performance nicht etwa um das Provozieren von Reaktionen des Tieres geht, wie es sonst bei auf Schaulust ausgerichteten Vorstellungen im Zirkus der Fall ist, sondern um die hochsensible Wahrnehmung noch so kleiner Verhaltensweisen. Das Publikum wird das Gefühl nicht los einem aktiven, realen Forschungsexperiment beizuwohnen und alle Untersuchungsergebnisse live mitzuerleben. Die Problematik liegt allerdings darin begründet, dass die Zuschauer auf keinen einheitlichen Wissensstand bezüglich Verhaltensforschung am lebenden Nutztier zurückgreifen können. Während einige Zuschauer lachen, befinden sich andere längst auf einer höheren Interpretationsebene der gegenwärtig zu beobachtenden Arten-typischen Reaktionen. Das Publikum teilt sich schnell in aktiv beobachtende analysierende Anwesende und in eine Gruppe ahnungsloser, vielmehr belustigter als verstehender Rezipienten auf. Doch selbst der analysierende Teil erliegt spätestens dann wissenschaftlicher Ratlosigkeit, wenn das Tier mehrmals den zuvor wohlwollend genossenen Berührungen der Performer ausweicht. „Balthazar“ ist eine Vorstellung zur Beobachtung von menschlichen als auch tierischen Verhaltensweisen, nicht etwa zur Förderung des Verständnisses der Mensch-Tier-Beziehung.

Der Regisseur David Weber-Krebs und der Dramaturg Maximilian Haas realisierten die Tanz-Performance „Balthazar“ basierend auf einem vierwöchigen Forschungs- und Probenprozess mit Studierenden des Hochschulübergreifenden Zentrums Berlin (HZT) auf Kampnagel. Das Projekt ist an die Ideen der amerikanischen Philosophin Donna Haraway angelehnt und besteht aus einer Serie von drei Performances in verschiedenen Städten sowie einer Buchpublikation, die Essays und visuelle Dokumente der gemeinsamen Arbeit zusammenfügt. Die Schwäche des auf einem sehr wichtigen, naturwissenschaftlichen Aspekt begründeten Stückes, stellt die fehlende Analyse-Fähigkeit der Publikums-Mehrheit dar. Aufmerksame Beobachtung führt hierbei nicht automatisch zum tieferen Verständnis des Wahrgenommenen. Die bewusste Wahl eines, für ein ruhiges Gemüt bekannten Lebewesens als Bühnen-Stellvertreter für die Tierwelt, birgt die Problematik der fehlenden Reaktions-Intensität und resultiert in Entschleunigung der Bühnenhandlung. Charakteristisch für eine positive Entwicklung des heutzutage immer häufiger gestörten Verhältnisses zu Tieren sind die sensiblen, liebevollen Annäherungen der menschlichen Protagonisten gegenüber dem Esel. Auf indirekte Weise kritisiert die Choreografie auch die in der Unterhaltungsbranche verbreitete Provokation unnatürlicher beziehungsweise aggressiver Verhaltensweisen von Tieren. Die als „Tanz-Performance“ angekündigte Vorstellung besticht eher durch nüchterne, nahezu einfältige Bewegungsabläufe wie Laufen oder Kriechen und zielt im Grunde auf die offensichtliche und dennoch viel zu oft in Vergessenheit geratene Erkenntnis ab, dass Tiere, genau wie wir Menschen, jede noch so kleine Veränderung oder Bewegung empfinden und darauf sehr sensibel reagieren. „Balthazar“ ist ein stummer Appell an Jedermann zu versuchen, Tiere ansatzweise als Menschen wahrzunehmen und menschliches Verhalten im Gegenzug als tierisch zu betrachten. „Balthazar“ wird damit zu einem Stück vergegenwärtigter Human-Animal Studies.

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