Ich bin viele. Die Berliner Performerin Antonia Baehr im Gespräch

Antonia Baehr

Antonia Baehr als Beutelwolf

Ich treffe die Berliner Performerin Antonia Baehr im Restaurant Casino auf dem Kampnagel-Gelände in Hamburg. Gerade kommt sie von den Proben zu ihrer Performance „Abecedarium Bestiarium – Affinitäten in Tiermetaphern“, welches beim LIve Art Festival aufgeführt wird. Wir sprechen über Geschlecht, Identitäten und warum die Welt nicht so ist wie sie scheint.

Frida Kammerer: Ein Stück über ausgestorbene Tiere und deren Identität, geschrieben von deinen Freunden. Wie kamst du auf diese außergewöhnliche Idee?

Antonia Baehr: Ich habe mehrere Stücke über die Konstruktion von Identität gemacht. Es geht ja rund um das Thema „Wer bin ich?“ durch den Blick der Anderen. „Abecedarium Bestiarium“ ist ein weiteres Stück in die Richtung.

Kammerer: Wie kamst du auf die Idee mit den ausgestorbenen Tieren?

Baehr: Es ist kein Stück über Tiere. Das Tier ist eine Metapher. Der Vergleich zwischen Tier und Mensch im umgangssprachlichen ist ja sehr geläufig, man sagt zum Beispiel „du kleines Häschen“. Es soll aber kein Stück über ausgestorbene Tiere sein. Die Performance handelt von Beziehungen. Ich habe das Tier als Metapher gewählt, weil das Tier nie das Recht oder die Chance hatte ein Tier zu sein. Es war schon immer für uns Menschen etwas anderes, schon immer eine Metapher oder ein Symbol. Es geht in dem Stück darum, noch weiter in die Richtung zu gehen.

Kammerer: Wieso sollten es dann die ausgestorbenen Tiere sein?

Baehr: Es gibt mehrere Gründe: Erstens hat es damit zu tun, dass wir wenig wissen wie ausgestorbene Tiere aussahen oder wie sie geklungen haben. Zweitens hat es damit zu tun, dass wir uns mit jenen Arten verbunden  fühlen, die nicht effizient genug waren um zu überleben. Deswegen sind sie auch fantastisch und deshalb faszinieren sie uns. Der dritte Grund hat mit temporal drag zu tun. Das kann man schlecht übersetzen, am nächsten käme da wohl der Begriff Transvestitismus, das ist jedoch ein sehr klinischer Begriff. Und das hat ja auch etwas zeitlich begrenztes.

Kammerer: Freunde und Kollegen von dir sollten sich aus der Vielfalt der ausgestorbenen Tiere eines aussuchen, das die Freundschaft zu dir reflektiert. Das ist ja das Konzept deiner Performance. Wie haben deine Freunde auf deine Anfrage reagiert?

Baehr: Das ist relativ kompliziert, denn die Affinität kann viele Formen haben. Ich bin zum Beispiel ein Bär. Dieses Spiel spielt man ja oft: Welches Tier wärst du?  Das ist wiederum auch ein Ausdruck von Freundschaft, wenn man dieses Spiel spielt. Oder von Hass. Es gibt eine Korrespondenz zwischen dem Autor und dem Tier. Sabine Ercklentz zum Beispiel hatte Mitleid mit der Stellerschen Seekuh. Das wichtige dabei ist: Die Stellersche Seekuh ist nicht Sabine Erklinz, sondern Sabine Erklinz hatte Mitleid mit ihr. Die Affinität kann so viele Formen haben.

Kammerer: Dein Tier ist der Bär, wieso spielst du ihn nicht?

Baehr: Weil ich es interessanter finde, dass ich wirklich nur die Stücke der Anderen spiele und mich dadurch selbst als Autor wegradiere. Ich verschwinde hinter den Anweisungen meiner Freunde, den künstlerischen Stilen und was dazu gehört.

Kammerer: In deiner Performance geht es ja auch um Geschlechter und Kategorisierung…

Baehr:  „Abecedarium Bestiarium“ soll binäre Systeme wie Mann/Frau, Tier/Mensch in Frage stellen und ins Wanken bringen. In unserer Kultur zum Beispiel ist es immer ganz wichtig gewesen, zwischen Tier und Mensch zu unterscheiden, zu sagen „Wir sind etwas besseres“. Deshalb müssen wir beweisen, dass wir anders sind als das Tier und auch anders als der schwarze Mensch. Wir müssen beweisen, dass es da einen riesen Unterschied gibt. Das ist unsere westliche Tradition, unsere kulturelle Tradition. Und jetzt gibt es durch die postkolonialen studies und gender studies eine Kritik an dieser europazentierten Weltsicht. Es ist ja eigentlich nur ein Machtsystem. Die Herrscher müssen immer beweisen, dass sie sehr anders sind als jene, die sie beherrschen. Das ist aber eigentlich nur eine Konstruktion. Ein Regime dass immer wieder formuliert wird. Diese Unterscheidung zwischen dem Mensch und dem binären System Mensch/Tier und der gesetzte riesige Unterschied dazwischen, das ist ein binäres System. Diese Perspektive kommt nun ins wanken.

Kammerer: Manche vergleichen deine Performance mit Karneval oder Fasching…

Baehr: Diesen Vergleich finde ich absolut daneben. Für einige ist drag halt eine Kostümfrage. Man verkleidet sich als Mann oder Frau. Da gibt es dann keinen Unterschied zwischen drag und Hamlet, welcher von einer Frau gespielt wird. Dass es da um Identität geht und auch im Begehren, dass ist jenseits deren Horizontes.

Kammerer: Um Begehren? Kannst du das noch einmal genauer definieren?

Baehr: Animal drag und temporal drag müsste ich damit erklären. „Wer bin ich ich? Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich bin viele.“ Es gibt nicht eine echte, authentische Identität und dann ein Verkleiden, was sich darauf aufbaut. Es ist alles. Eine Konstruktion und ich bin viele. Das ist der Ansatz, mit wir als Künstler und Forscher beginnen: „Was begehre ich zu sein. Wer wäre ich gern?“  Wenn man sich eine Drag Queen vorstellt, dann merkt man sofort, es hat nichts mit einer Kostümfrage zu tun. Im Theater gibt es einen Regisseur, der sagt dem Schauspieler „Bitte zieh das an“. Das muss aber nicht das identitäre Begehren dieser Person sein, diese Kleidung zu tragen. Eine Drag Queen tut das aber aus Begehren. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Kammerer: Frau Baehr, ich bedanke mich für das Gespräch.

Ein Rezension zu „Abecedarium Bestiarium“ von Antonia Baehr findet sich unter:
liveartfestival.wordpress.com/diegrinsekatze

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