Das Tier als Entschleuniger. Ein Gespräch mit dem Choreograf und Tänzer Martin Nachbar

Martin Nachbar arbeitet mit imitierten Tierbewegungen

Martin Nachbar arbeitet mit imitierten Tierbewegungen

Welche Beziehungen und Bezüge haben wir zu anderen Tieren? Was an uns ist tierisch, was nicht-menschlich? Die Performance Animal Dances imitiert die Bewegungen der Tiere, fragt nach dem Tierischen in uns und versucht, unsere zeitgenössischen Beziehungen zu Tieren durch Tanz transparent zu machen. Choreograf Martin Nachbar spricht in einem Interview mit Vanessa Franke über seine Herangehensweise und den Prozess seiner Arbeit an „Animal Dances“.

Franke: Herr Nachbar, wie ist die Idee zu „Animal Dances“ entstanden?

Nachbar: Die Lust dazu mit Tierbewegungen zu arbeiten, kam vor drei Jahren. Die Idee entstand aus der Überlegung heraus, nicht immer nur menschliche Themen oder menschliche Bewegungen zu behandeln, sondern zu schauen, was passiert, wenn ich mit dem Recherchefeld vom Theater als Ort weggehe. Ich wollte sehen, was ein Tänzerkörper macht, wenn er anfängt sich wie ein Pferd zu bewegen; wenn er sich vorstellt, die Welt so wahrzunehmen wie ein Pferd oder irgendein anderes Tier. Ich wollte sehen, was das für eine Bühnenpräsenz produziert und was für Bewegungen daraus entstehen.

Franke: Was interessiert dich an diesem Thema? Was ist der Motor?

Grundsätzlich interessiert mich, wie Tiere ihre Umgebung wahrnehmen und wie man diese gezielten Beobachtungen tänzerisch umsetzen kann. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Tieren. Wir teilen den gleichen Grundsatz: Wir wollen alle überleben. Wir alle haben Gefühle, nehmen unsere Umgebung wahr und passen uns an. Trotzdem können wir Menschen noch viel von den Tieren lernen. Zum Beispiel die Welt bewusster wahrzunehmen und uns zu entschleunigen. In der heutigen Gesellschaft wird gearbeitet und gehetzt anstatt einfach den Moment zu genießen. In dem ich Tiere beobachte, Bewegungen imitiere und analysiere, lerne ich sie auch besser zu verstehen.

Franke: Wie haben Sie sich auf „Animal Dance“ vorbereitet?

Nachbar: Zur Vorbereitung haben wir uns viele Dokumentarfilme angeguckt. Wir haben auch viel darüber gelesen, wie Tiere die Welt wahrnehmen und warum sie diese so wahrnehmen. Zudem habe ich Leute wie Hundetrainer oder andere Personen interviewt, die sich mit Tieren beschäftigen. Der erste Schritt war dann immer die Bewegungen der Tiere zu imitieren. Entweder fand das in der Natur oder im Zoo statt. Am Beispiel des Pferdes haben wir versucht, uns vorzustellen, wie es ist, die Augen nicht vorne, sondern an der Seite zu haben. Wir stellten uns die Frage: Wie muss man dann den Kopf bewegen, um etwas zu sehen? Dazu hat uns eine Pferdetrainerin einmal etwas interessantes erzählt: Pferde sind Fluchttiere. Deswegen brauchen sie den Weitwinkel, um das Umfeld und mögliche Gefahren weiträumiger zu sehen. Aus diesem Grund sitzen die Augen auch seitlich am Kopf.

Franke: Wie lange hat der Prozess von der Idee bis zur fertigen Choreografie gedauert?

Nachbar: Ich habe zuerst ein Solo produziert, das hat fünf bis sechs Wochen gedauert. Die Proben zum Gruppenstück haben dann noch mal acht Wochen in Anspruch genommen. Insgesamt vom Anfang der Idee bis zur Premiere hat es wohl ungefähr anderthalb Jahre gebraucht.

Franke: Welches Tier wären Sie? Mit welchem Tier können Sie sich am besten identifizieren?

Nachbar: Das weiß ich gar nicht. Ich glaube, ich habe beim Solo ganz gerne das Pferd  performt  und getanzt.  Auch Vögel, also alle möglichen Vogelarten, haben mir Spaß gemacht. Ich habe schon immer gerne mit meinem Körper gearbeitet. Es ist interessant, zu sehen, was alles möglich ist. Ich kann nicht sagen, welches Tier ich persönlich wäre. Ich glaube am liebsten wäre ich ein menschliches Tier, also das, was ich bin. Das finde ich schon ganz okay.

Franke: Was haben Sie als nächstes vor? Was ist das nächste Projekt?

Nachbar: Bis Ende nächsten Jahres mache ich kein neues Projekt. Ich unterrichte viel und beschäftige mich ein bisschen mit  dem Gehen. Dazu habe ich letztes Jahr auch schon ein Stück gemacht und bin noch weiter damit beschäftigt. Ende nächsten Jahres plane ich wahrscheinlich ein Stück  in Form eines  Musicals zu bearbeiten. Ich weiß aber noch gar nicht, wie  und was. Im Moment habe ich keine Pläne, sondern  unterrichte hauptsächlich.

Franke: Noch eine abschließende Frage: Sind Sie eigentlich Vegetarier?

Nachbar: Nein, ich war mal Vegetarier.  Ich esse zwar nicht viel Fleisch, aber ich bin Fleischesser.

Franke: Herr Nachbar, vielen Dank für das Gespräch.

Info: Martin Nachbar ist  Choreograph und Tänzer, wohnt in Berlin, und  studierte an der School for New Dance Development (SNDO) in Amsterdam, in New York und bei P.A.R.T.S., Brüssel. 2010 erhielt er einen Master am Amsterdam Master of Choreography. Er unterrichtete an Schulen wie der SNDO, dem Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin (HZT), der Salzburg Experimental Academy of Dance (SEAD), P.A.R.T.S. und dem Laban Dance Centre. Martin Nachbar erforscht Menschen als körperliche Wesen inmitten anderer körperlicher Wesen und untersucht die Möglichkeiten des tierischen Verstehens mit tänzerischen Mitteln. Martin Nachbar widmet sich insbesondere der sogenannten Konzepttanz-Richtung.

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