ZOO 3000 – ein außergewöhnliches Zusammentreffen von Natur, Kunst und Hinterfragen

Ziegenaugen aus Glas, der Käfig eines ausgestorbenen tasmanischen Wolfes. Ein Esel auf der Bühne, der den Verlauf einer Performance bestimmt und Menschen in Käfigen wie im Zoo – füttern erlaubt.

Das Live Art Festival auf Kampnagel hat in den letzten Wochen das Verhältnis zwischen Mensch und Tier nicht nur gezeigt sondern in Frage und auf den Kopf gestellt, bis das Verständnis dieses Verhältnisses komplett verdreht war. Kampnagel wurde zu einem Ort voller Theorien, Ideen und skurrilen Umsetzungen, die es zu verstehen galt. Einige hatten damit Erfolg, die Gäste verließen den gelben Kreativstandort inspiriert, mit angeregten Gedanken und eventuell aktualisierten, vielleicht sogar neuen Sichtweisen. Andere gingen mit einem großen Fragezeichen vor dem inneren Auge vom Platz. Vielleicht irritiert, vielleicht einfach nur uneinig. Schließlich kann nicht jeder etwas mit einem Grow-Kit für Pilze, oder homosexuellen Pinguinen anfangen. Auch Aussagen wie: „Kakerlaken sind total gesund, nur die Schale ist zu hart“, von einem grauhaarigen Mann mit Rastazopf müssen erst erklärt werden, bevor sie Sinn ergeben. Manchmal war es harte Arbeit.

Trotzdem hat es viele Neugierige zwischen dem 5. und dem 15. Juni auf Kampnagel gezogen. Das außergewöhnliche Zusammentreffen von Natur, Kunst und Hinterfragen hat fasziniert. Ob diese Faszination eine zustimmende, oder eine ablehnende war, ist dabei nicht mal so wichtig. Neben den nicht mehr ganz so schüchternden Sonnenstrahlen, die dazu beitrugen, dass auf den Bänken im Restaurant Casino fleißig Getränke geschlürft wurden, waren auch zwei besondere Partizipanten Grund für Aufmerksamkeit. Die Rede ist von Charles und Ciron, die ihren Kollegen deutlich die Show stahlen. Zwei Esel, die während des Festivals auf Kampnagel hausten und allein mit ihren instinktiven Reaktionen auf den Menschen zu Hauptdarstellern wurden.

Ein buntes Treiben also. Der Name als auch das Thema des Festivals kündigte das Prinzip bereits an: Vielfalt und Ideenreichtum wurden großgeschrieben. So gab es ein fiktionales naturhistorisches Museum von Jozef Wouters, das anhand von 34 exakten Momenten, unsere natürliche Geschichte als eine voller Zweifel beschreibt, in der es nicht um Schuld geht, sondern um Entscheidungen, dessen Konsequenzen unbekannt sind. Die Installation funktionierte sowohl als Kritik als auch als Gegenvorschlag zu den herkömmlichen naturhistorischen Museen. Verdrehte Verhältnisse gab es im Human Zoo der Wiener Künstlergruppe “God’s Entertainment”. Hier wurden gesellschaftliche Randgruppen zu einer zu erforschenden Spezies. Dazu gehörten die Flaschensammler, die mit Pfand gefüttert wurden oder die Hartz IV-Empfänger, denen man die Bildzeitung vorlesen konnte. Auch Punks und Frührentner wurden ausgestellt, um den Kreislauf gesellschaftlich gesetzter Stereotypen zu durchbrechen. Aber auch Performance und Tanz kam am Live Art Festival nicht zu kurz. Mit „Animal Pop“, eine Mixtur aus Hip Hop, Modern Dance und animalischem Tanz, brachte der Choreograf Jecko Siompo „In Front of Papua“ auf die Bühne. Mit animalischen Lauten und Stammestänzen wurde dem Zuschauer die ferne eher unbekannte papuanische Kultur näher gebracht. Die zehnköpfige Tanzgruppe begab sich auf eine Reise von dem Dschungel in die Stadt und wieder zurück. Während Jecko Siompo Tierbewegungen zu neuen Tanzkörpern formte, nutzte die Berlinerin Antonia Baehr das Tier als Metapher, um das Wesen zwischen Mensch und Tier zu erkunden. „Abecedarium Bestiarium – Affinitäten in Tiermetaphern“ spielt mit theoretischen Erkenntnissen aus den Postkolonialen Studies und den  Gender Studies. Unterscheidungen zwischen „Tier“ und „Mensch“ oder „Mann“ und „Frau“ wurden hier nachhaltig in Frage gestellt.  Außergewöhnlich war auch die Installation „Piazza Funghi“. Eine Installation die sich in abgedunkelter Bar-Atmosphäre mit viel Neonlicht und allerlei Pilzkulturen der Funktion der Pilze widmet. Das mystische, von der Wissenschaft zwischen Tieren und Pflanzen nicht zuzuordnende Etwas wurde hier gezüchtet und gegessen.

Menschen, Tiere, Pilze, Verhältnisse, Verantwortung. Es war von allem etwas dabei. Das scheinbar kuriose Chaos mit seinen vielen Themen und Darstellungen wurde von der Kuratorin Nadine Jessen zu einem geschlossenen Diskurs über das Verhältnis von Mensch und Tier zusammengeführt. Performance meets Wissenschaft meets Theorie. Rationales Wissen konnte mit sinnlichen Eindrücken verbunden werden. Am Ende des zehntägigen Festivals konnte man Kampnagel mit veränderten oder gar neuen Gedanken verlassen. Selbstverständlichkeiten wurden in Frage gestellt, neue Denkansätze künstlerisch offenbart, insgesamt also ein gelungenes Spektakel.

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