Was ist Tier? Was ist Mensch?

Die Tänzergruppe bei der Probe

Die Tänzergruppe bei der Probe

Beim Live-Art-Festival auf Kampnagel geht es um die Beziehung zwischen Mensch und Tier. Genau genommen sind wir Menschen die städtischen Tiere des 21 Jahrhunderts. Doch wie viel Tierisches steckt wirklich noch im Menschen? Die Frage beschäftigt den Choreograph und Tänzer Martin Nachbar schon seit längerer Zeit. Jetzt hat er eine Performance erarbeitet, die sich genau damit auseinandersetzt.

Auf Basis von detaillierten Beobachtungen und Forschungsergebnissen werden verschiedene Tierarten tänzerisch imitiert. Es ist ein Experiment, bei dem die Tänzer versuchen, Tierbewegungen auf den menschlichen Körper zu projizieren und in Bewegungen auszudrücken.  Die Kommunikation verläuft ausschließlich über die Körpersprache der jeweiligen Tiere dargestellt durch die Tänzer. Bei „Animal Dances“ geht es vor allem um die Bewegungen, verbale Dialoge gibt es nicht.

Das ist den Darstellern auch weitestgehend gut gelungen. So krabbelt einer von ihnen auf allen Vieren auf die Bühne, wackelt hektisch mit dem Hinterteil und ragt die Nase in die Luft. Stolz widmet sich der Hund seinem Stöckchen, welches sogleich zur Aussichtsplattform seines beflügelten Gefährten wird, der rastlos über die Bühne flattert und schließlich neugierig ins Publikum blickt. Die Bühne wird sinnbildlich zum gemeinsamen Territorium für eine artenreiche Tierwelt, die miteinander lebt und gleichzeitig den Nutzen der Umwelt für sich beansprucht.

In den unterschiedlichen Szenen werden artenspezifische Manieren und Charaktereigenschaften realitätsgetreu abgebildet. Es ist in vieler Hinsicht ein fliegender Wechsel, in dem sich das schlichte Bühnenbild in ein buntes Spektakel verwandelt.

Die Aufführung findet in der zweitgrößten Veranstaltungshalle von Kampnagel statt und bietet dreihundert Sitzplätze. An diesem Abend sind fast alle Stühle besetzt. Das Publikum erwartet gespannt die nächste Tanzeinlage und denkt nach, um welches Tier es sich diesmal handeln könnte. Das ist nicht immer ganz eindeutig zu bestimmen, dennoch haben die Zuschauer großen Spaß, dem sie mit akustischen Lauten und amüsiertem  Gelächter Ausdruck verleihen. Die Schauspieler lassen sich davon nicht beirren und bleiben gänzlich in ihrem tierischen Element.

Die Verkörperung des animalischen Verhaltens wirkt authentisch und vermittelt eine innige und detaillierte Auseinandersetzung mit dem dargestellten Tier über das körperliche Spektrum hinaus. Die Bewegungen zeugen von disziplinierter Körperbeherrschung, Abstraktionsvermögen und ästhetischer Perfektion. Dafür braucht es kein aufwändiges Bühnenbild, lediglich ein elementares Repertoire, zum Beispiel eine Decke oder längere Stiele für verstärkte Effekte. Die nahezu nackte Bühnenfläche wird komplett bespielt.

Eine unerwartet laute Musik ertönt mit steigender Intensität aus den Lautsprechern und nimmt das Publikum  für sich ein. Plötzlich wird es dunkel und das Publikum verstummt. Ein Moment der Stille und Monotonie  erzeugt einen wirkungsvollen Spannungsbogen, der schließlich durch spontane Elemente aufgehoben wird. Der Scheinwerfer ist direkt auf den Künstler gerichtet, der auf dem Boden kauert und nur durch Mimik und Gestikulation das Publikum  wieder dort abholt, wo es aufgehört hat – bei dem Tier, das alleine mit seiner Körpersprache aussagt, was es fühlt.

Die Kuh ist ein schweres und träges Tier, dessen Verdauungstrakt ein komplexes System darstellt. Kühe zählen zu den Wiederkäuern, das heißt sie kauen das Futter zunächst vor und zermahlen es im zweiten Schritt noch mal gründlich. Dieser Prozess erfordert ausgiebiges Kauen. Dafür braucht es als Mensch starke Gesichtsmuskeln und den Mut es der Kuh gleichzutun. Die Reaktion des Publikums zeigt, dass die Aussage angekommen ist. Bald ertönt heiteres Lachen aus den Reihen.

In diesem Fall war das erwünscht. Dennoch macht es deutlich, dass sich die Künstler des Stücks soeben auf ein Niveau begeben haben, welches mit Belustigung angesehen wird. Damit sind sie ein Risiko eingegangen. Das Stück wagt eine Gradwanderung zwischen menschlicher Unterwerfung und der Einheit von Mensch und Tier.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s