Unsere Geschichte als eine Serie von Zweifeln

Stephen’s Island – eine kleine Insel in der Nähe von Neuseeland. Vor tausenden von Jahren war diese Insel das Heim eines behüteten Vogels. So behütet, dass er das Fliegen verlernte. Auf der Insel befand sich ein Leuchtturm, der von einem Mann bewacht wurde: David Lyall. Lyall brachte eines Tages eine Katze mit auf die Insel. Es dauerte nicht lange, bis die Katze alle Vögel umgebracht hatte. Auch der kleine Wren, die Vogelart, die verlernt hatte wie man fliegt, starb aus. Jetzt könnte man die Frage stellen: Wer hat Schuld? Ist der Leuchtturmwächter schuldig, weil er eine Katze mit auf die Insel brachte? Ist die Katze schuldig, weil sie die Vögel aß? Oder liegt die Schuld bei dem Vogel, der das Fliegen verlernte? Für Jozef Wouters, Gründer des „Zoologische Institut für Kürzlich Ausgestorbene Spezies“, ist die Antwort simpel: „Es geht nicht um Schuld. Es geht um Entscheidungen die getroffen werden, ohne die Konsequenzen zu kennen.“

Kim: Jozef, wir befinden uns auf dem Gelände des „Zoological Institute for Recently Enxtict Speies“, einem naturhistorisches Museum  beim Live Art Festival auf Kampnagel. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Jozef: Das ist mein Vorschlag für ein naturhistorischen Museum. Ein Vorschlag für eine neue Art und Weise unsere Naturgeschichte zu erzählen. Schon als Kind beschäftigte ich mich mit diesem Thema. Ich war von allem fasziniert was mit Naturkunde oder Natur und Wissenschaft zu tun hat. Ich war fasziniert von diesen Tierarten, die nicht mehr hier sind, daraus ist das Projekt entstanden.

Kim: Kannst du mir eine dieser Geschichten erzählen?

Jozef: Sieben Geschichten davon befinden sich derzeit in diesem Museum. Die erste die ich jemals hörte und die mich am meisten faszinierte, war die des tasmanischen Wolfes. Er stammte aus der Familie der Kängurus, entwickelte sich weiter bis er anfing wie ein Wolf auszusehen. Er starb fast aus, als die Polynesier vor 40.000 Jahren nach Australien kamen. Irgendwann gab es nur noch eine Familie, die bis auf ein einziges Weibchen ausstarb. Dieses Weibchen wurde in einem Zoo in Hobart in Tasmanien gehalten. Man sagt, dass ihr Name Benjamin war, aber das ist vermutlich nicht wahr, denn sie war ein Weibchen, also haben sie den Namen wahrscheinlich in den 1960’ern erfunden um ihr mehr Persönlichkeit zu geben. Jedenfalls gab es nur noch dieses eine Exemplar und es starb, weil jemand vergessen hatte das Türchen zu öffnen, das zum Schlafkäfig führte und so erfror dieses Weibchen in der Nacht zum 7./8. September 1936. Es gibt also ein genaues Datum, ein genaues Exemplar.

Kim: Und wie ging es dann weiter? Wie entwickelte sich deine Idee zu einem naturhistorischen Museum?

Jozef: Dann habe ich begonnen viele solcher Geschichten von ausgestorbenen Tierarten zu lesen und herausgefunden, dass es sechs bekannte Spezies gibt, die ein letztes Individuum mit oft einem Namen und immer einem präzisem Todesdatum gibt.  Ich hatte die Idee, dass diese Geschichten das Potential haben, die ganze Problematik und die seltsame Verantwortung und Dominanz des Menschen auf diesem Planeten in einem einzelnen Bild festzuhalten. Man kann sagen, dass Ökologie, was auch immer wir Ökologie nennen, unsichtbar ist. Und diese Geschichten haben das Potential etwas darzustellen, symbolisch und gleichzeitig konkret zu sein. Zudem sind wir als künstlerisches Kollektiv der Meinung, dass die Art und Weise wie naturhistorische Museen über Zeit erschaffen wurden und wie sie ihre Kollektionen präsentieren mehr als problematisch ist.

Kim: Warum?

Jozef: Die ganze Idee der Naturgeschichte kommt von einem Wunsch nach Harmonie– ein Wunsch, der mit Linnaeus begann. Er war der erste, der versuchte eine Taxonomie zu kreieren, die ganze Natur mit allen Spezies darzustellen und praktisch Natur abzubilden. Ich denke man kann sagen, dass naturhistorische Museen immer noch diesen Wunsch haben, Natur als ein harmonisches Ganzes zu zeigen – die Natur als Tempel sozusagen. Ökologie besagt, dass wir diejenigen sind, die für diesen Tempel verantwortlich sind und das wir sehr vorsichtig sein müssen Spezies nicht aussterben zu lassen. Wir müssen die Natur irgendwie beschützen.

Kim: Und du bist nicht einverstanden, weil…?

Jozef: Das Institut findet, dass wir eine sehr problematische Art und Weise haben Ökologie zu verbildlichen. Welche sind die konkreten Bilder, an die wir denken? Unsere Großeltern waren in Harmonie mit der Natur und unsere Enkelkinder werden eine Welt in Chaos erben. Konkret: Wir sind jetzt gerade die schuldige Generation. Es ist fünf vor 12, wir stehen am Rande des Abgrundes. Ich versuche gerade diese Bilder zu beschreiben. Kürzlich haben sie eine Geschichte in Amerika gemacht, wo sie die Leute fragten: „Was sehen Sie, wenn Sie an Ökologie  denken? Was ist das Bild von Ökologie?“ Mehr als die Hälfte der Personen sagten: „Schmelzendes Eis.“ Das ist das Bild was wir von Ökologie haben – schmelzendes Eis. Ich finde das problematisch.

Kim: Was heißt das für dich? Was muss sich ändern?

Jozef:  Der finale Gedanke ist doch: Wenn wir andere Bilder für Ökologie haben wollen, müssen wir bei dem Naturkundemuseum ansetzen. Naturkundemuseen sind wahrscheinlich für diese Bilder verantwortlich. Sie sind diejenigen, die die Gesellschaft mit Bildern versorgen sollen und ich denke diese Bilder sollten nicht harmonisch sein, sondern zweifelhaft. Denn wir denken, Naturgeschichte ist eine Geschichte voller Zweifel, eine Geschichte voller Entscheidungen die getroffen werden, ohne die Konsequenzen zu kennen. Man könnte sagen, wenn Columbus die Konsequenzen von der Eroberung Amerikas gekannt hätte, die ökologischen, die weltweiten Konsequenzen, hätte er es vielleicht nicht getan. So viele Geschichten in unserem Museum handeln von Entscheidungen. Wir haben eine Kollektion von 34 Bildern, 34 exakten Momenten, in der Geschichte gemacht. Eine Kollektion die versucht unsere Naturgeschichte als eine Serie von Zweifeln, als eine Serie von Entscheidungen voller Zweifel darzustellen. Dazu schlagen wir vor, dass Naturkundemuseen ihre Kollektionen leeren und anfangen nach anderen Bildern für Ökologie zu suchen.

Kim: Jozef, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Original-Gespräch in Englisch findet sich unter liveartfestival.wordpress.com/2013/06/07/34-exact-moments-our-natural-history-as-a-series-of-doubt/

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