Stilbildend, nicht abbildend

Kristina Appel spricht mit den beiden Kuratorinnen des diesjährigen Live Art Festivals „Excess yourself!“ Melanie Zimmermann und Nadine Jessen  über Trüffelschweine, Zumutungen und persönliche Highlights.

Dramaturginnen Kampnagel Interview© Kristina Appel / Kampnagel Dramaturginnen / 2014

Nadine Jessen, Melanie Zimmermann, Ihr seid schon seit einigen Jahren als Dramaturginnen auf Kampnagel tätig. Das Live-Art-Festival kuratiert ihr seit drei Jahren. Was macht die Arbeit einer Dramaturgin aus?

Jessen: Wir haben auf Kampnagel einen eigenen Begriff dafür gefunden, der sich „Schamaturgie“ nennt. Also eine Mischung aus Schamane und Dramaturgie. Und weil das Team der Dramaturgie auf Kampnagel nur aus Frauen besteht, sind wir eben Schamaturginnen.

Zimmermann: Als Dramaturgen machen wir vor allem den Spielplan und kümmern uns um die Produktionen. Wir sind also schon beim Entstehungsprozess dabei. Wir schreiben die Konzepte mit, schauen wo man Geld herbekommt und platzieren dann das Projekt. Zum Schluss beobachten wir, wie die Produktion verläuft und versuchen nochmal unterstützend zu wirken. Dabei sind wir vor allem hier vor Ort, reisen aber auch viel rum, schauen wo die interessanten Produktionen, wo die interessanten Künstler sind.

Was unterscheidet eure Arbeit von der am klassischen Theater?

MZ: Wir arbeiten sehr eng mit den Künstlern zusammen, in siebzig Prozent der Fälle auch längerfristig. Das ist nicht so ein Einkaufen, das viele andere Veranstalter betreiben. Wir wollen nicht nur oberflächlich Kunst machen, sondern intensiv mit den Leuten zusammenzuarbeiten.

Wir versuchen stilbildend

und nicht abbildend

zu sein.

NJ: Neal Medlyn zum Beispiel, den hab ich in New York zweimal gesehen. Ich habe immer auf den richtigen Moment gewartet, wo man ihn einladen kann. Beim Live-Art-Festival ist es nun soweit. Und wir überlegen jetzt schon für die Zukunft, in welche Projekt wir ihn involvieren können. Wir gehen davon aus, dass er sich hier wohl fühlt und die Leute ihn lieben. So ergeben sich sehr schöne Beziehungen. Als ich nach Hamburg kam habe ich die HGichTs kennengelernt. Seitdem habe ich versucht, die God’s und HGichT dazu zu bringen, sich zu beschnuppern. Und jetzt ist es soweit, jetzt arbeiten die zusammen! Das sind Initiationen, die häufig von uns ausgehen.

Wo sieht man sich als Dramaturgin nach neuen Inspirationen und Talenten um?

NJ: Eigentlich hat man ja den Ehrgeiz, so Trüffelschwein mäßig, Künstler schon auf der eigenen „Mental Landscape“ zu haben, bevor sie in die Festivals eingestreut werden. Das geht natürlich nicht immer, aber den Ehrgeiz hat man schon. Es gibt einige Fundgruben, zum Beispiel das American Realness Festival in New York. Da findet man tatsächlich immer drei, vier Sachen, die man mitnehmen will. Oder das Donau Festival in Wien. Viele Vorschläge kommen aber auch von den Künstlern selbst.

MZ: Jeder Dramaturg bringt natürlich auch sein eigenes Know How mit, seine Biografie. Also Nadine war in Wien, ich war in Belgien und kenne mich in Frankreich gut aus. Das sind Gebiete, in die fährt man immer zurück. Aber dann weitet man die Suche aus und wird zum Trüffelschwein.

NJ: Keith Hennessy, zum Beispiel, den hatten wir zur Spielzeiteröffnung hier. Melanie hatte ihn schon im Kopf, weil sie bei ihm einen Workshop gemacht hat. Ich hatte ihn im Kopf, weil mir eine Künstlerin aus New York gesagt hatte, schau Dir Keith an, das wird Dich umhauen! Dann hab ich letztes Jahr Turbulence (A Dance About the Economy) von ihm gesehen und war hin und weg. Ich habe ihn zur Spielzeiteröffnung eingeladen, jetzt ist er bei Theater der Welt und beim Donau Festival. Wir versuchen stilbildend und nicht abbildend zu sein. Wir versuchen die Nase vorne zu haben. Manchmal gelingt das, manchmal nicht.

Kampnagel ist bekannt als Theater für Performance und Tanz. Warum Performance Art und nicht klassisches Theater? Was ist das Besondere daran?

NJ: Ich kann mit repräsentativem Theater nicht so viel anfangen. Performance ist ein dehnbarer Begriff, es macht mehr Spaß, den zu befüllen. Den kann man schlussendlich auf alles anwenden, was einem gefällt.

MZ: Mich stört der institutionelle Apparat hinter dem klassischen Theater. Er blockiert häufig die Sache an sich. Ich bin nicht generell gegen klassisches Theater. Ich gebe dem Stadttheater auch immer wieder eine Chance. Ich ärgere mich nur immer wieder wenn ich da rauskomme!

NJ: Das klassische Theater ist der Ort, an dem sich die Bürger gegenseitig in ihren Ritualen bestätigen. Das kann man machen, das ist auch ok, aber auf Kampnagel ist das nicht unsere Aufgabe. Wir haben uns über die Jahre auch ein anderes Publikum aufgebaut. Manchmal haben wir etwas Klassischeres im Programm, die Leute beschweren sich dann. Unser Publikum hat mittlerweile verinnerlicht, dass es auf Kampnagel speziellere Sachen gibt. Die klassische Schiene, von 20 bis 21:30 Uhr läuft die Vorstellung und dann trinken wir einen Rotwein danach, das sind Rituale, die wir durchbrechen möchten.

MZ: Die Machart ist auch ein politisches Statement. Der Aufbau der Gruppe, was behandelt wird, wie man es präsentiert.

NJ: Ich komme ja vom Stadttheater. Diese Hierarchien dort, Schauspieldirektor, Chefdramaturgen (MZ: Stabstellen.), Regisseur. Letztere sind die Chefs, die dem Schauspieler sagen, was sie zu machen haben. Schauspieler sind dort Befehlsempfänger, die aber gleichzeitig alles noch psychologisieren wollen. Das ist für mich kein Medium, was mich interessiert. Ich habe als junger Mensch die Hoffnung gehabt, das Theater sei eine Gegenwelt zur Realität. Dann habe ich festgestellt – nein, da werden genau dieselben Machtstrukturen eins zu eins abgebildet. Später aber habe ich entdeckt, dass es Leute gibt, die so denken wie ich, die auch Theater machen. Denn das Medium Theater ist ja nach wie vor interessant. Vielleicht sieht man die Schlupflöcher auch erst, wenn man so abgetörnt ist.

Man muss als Dramaturg

eher Psychologe sein,

als Künstler.

Wie sehr muss man selbst Künstlerin sein, um eine gute Dramaturgin zu sein?

MZ: Ich selbst bezeichne mich nicht als Künstlerin. Ich würde aber sagen, dass die Arbeit die ich mache, künstlerisch ist. Man muss die künstlerischen Vorgänge verstehen und nachvollziehen können, um sie zu unterstützen. Bei uns ist es zum Beispiel so, dass wir alle Mittel für künstlerische Projekte querfinanzieren. Wir sind sehr stark an der Machbarkeit beteiligt. Dadurch sind wir sehr nah an den Produktionen und den Künstlern dran. Da muss man einfach in jeder Etappe sehr genau wissen, wie die Künstler ticken, damit man sie bestmöglich unterstützt.

NJ: Ich glaube man muss kein Künstler sein und man muss auch nicht Künstlerin sein wollen, um als Dramaturgin zu arbeiten. Aber man muss auf jeden Fall das Bewusstsein haben, dass man Kunst nicht verhindert. Das erlebt man schon manchmal in anderen Betrieben. Manche Dramaturgen behindern da eher, statt zu unterstützen.

Worauf könntet ihr in Eurem Beruf gut verzichten?

NJ: Karten verkaufen.

Also die Ansage, Karten verkaufen zu müssen?

NJ: Ja. Dass das der messbare Wert ist; dass in der Außenwahrnehmung der Erfolg daran geknüpft ist. So etwas ist belastend. Wenn man experimentiert, ist der Inhalt nicht immer sofort für alle Leute zugänglich. So etwas muss sich auch entwickeln, braucht Zeit und einen langen Atem. Stets ist man damit konfrontiert, dass es voll werden muss. Niemand will in einem leeren Saal spielen. Aber Kompromisse machen, um Karten zu verkaufen, darauf könnte ich verzichten.

Kampnagel ist ja eine Hamburger Spielstätte. Was kann man dem deutschen aber auch speziell dem Hamburger Publikum überhaupt zumuten?

NJ: Immer alles.

MZ: Viele Institutionen haben Angst. Aber je mehr man den Leuten zumutet, desto mehr öffnen sich ihre Wahrnehmungskapazitäten. Desto mehr verbinden sich Synapsen, desto mehr sind sie offen für andere Projekte. Ich würde immer sagen, dass man den Leuten sehr viel zumuten kann. Das Publikum zu bevormunden, das ist ein Politikum was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann.

NJ: Zumutung klingt erst mal negativ. Ich sehe es eher als eine Herausforderung an das Publikum. Es freut einen, wenn das Publikum an den Stücken wächst. Wenn man Zuschauer hat, die nicht mit einer Service Center Mentalität kommen. Leute, die Bock haben, sich auf etwas einzulassen, auch auf etwas Unbewusstes.

MZ: Auf pädagogische Häppchen hat unser Publikum auch in den wenigsten Fällen Bock.

NJ: Gerade Kampnagel hat ja sehr viele Gesichter. Es ist auch ein Ort der Widersprüche. Meine Mutter ruft mich manchmal aus Flensburg an und erzählt: Kampnagel war wieder in der Zeitung. Das war dann aber meistens eine Vermietung, keine eigen produzierte Aufführung. Vermietungen sind gut! Wir brauchen das Geld, um dann eben Kunst zu machen. Aber wenn die Außenwahrnehmung dann darin besteht, auf Kampnagel finden am Freitag „Rock The Ballet“ und Tanznagel statt, ist das schräg. Ich arbeite seit sieben Jahren daran, dass die Leute mitkriegen, dass Kampnagel ein Ort für internationale Künstler ist, die noch nicht bekannt sind, die aber total tolle Arbeit machen. Wir nähren hier ja auch die Nische.

MZ: Das geile an Kampnagel ist einfach, es ist der größte Ort seiner Art in Deutschland. Manchmal spielen hier in unserer Kaiserhalle ([k6] Anm. d. Red.) große Produktionen wie zum Beispiel Akram Khan. Und dann kommt einer seiner Tänzer innerhalb des Afrika Festivals zu uns und macht seine eigene Show in einem kleineren Saal. Diese Art von Treffen und das Teilen macht Kampnagel so wertvoll.

Gerade bei Festivals geht es ja stark um Treffen und Teilen. Was ist das Besondere an diesem Festival – auch im Vergleich zum Kampnagel Flaggschiff, dem Sommer Festival?

MZ: Das Sommer Festival hat eine ganz andere Tradition als das Live Art Festival. Es existiert schon seit vielen Jahren und hatte auch vor Amelies Deuflhards (Intendanz, Anm. d. Red) Zeit einen anderen Namen. Es hat also eine ganz andere Dimension, ein ganz anderes Budget und kann entsprechend auch ganz anders handeln.

NJ: Wir machen das Live Art Festival jetzt das dritte Jahr. Ursprünglich ist es aus einem EU Netzwerk entstanden, welches unsere damaligen Kollegen Jochen Roller und Anne Kersting gegründet haben. Die haben einen Antrag gestellt und dann gab es erstmal für fünf Jahre Geld für ein Live Art Festival an verschiedenen Orten. Wir haben es quasi geerbt. Das ist fast wie ein kleiner Lospreis. Das ist so toll! Man hat die Chance, viele kleine Elemente zu bündeln, die sonst im Spielplan untergehen. So eine Möglichkeit haben wir nicht oft. In dieses Zeitfenster packt man dann die Zuckerstücke auf die man die ganz Zeit Bock hat.

MZ: Generell experimentiert das Live Art Festival ja mit Zugängen und Formen von Live Performances. Man kann durationale Performance machen, man kann offenere Formate wie der Workshop bei Giselle oder die Goa Party veranstalten. Man kann Sachen übereinander legen; eine Konferenz darüber bauen. Das sind Möglichkeiten, die man sonst im Spielplan eben nicht hat.

Das Live Art

ist ein Entdecker-Festival.

MZ: Das Sommer Festival hingegen hat im internationalen Kontext eine spezielle Position, da es im Sommer nicht so viel Festivals gibt. Dabei ist es sehr breit aufgestellt – Tanz, Performance, Theater, Musik, alles drin. So haben es auch die Veranstalter auf der Prioritätenliste, die kommen dann, um die großen Namen wie zum Beispiel Boris Charmatz zum ersten Mal zu sehen. Aber auch das Live Art Festival haben sie jetzt auf der Landkarte! Weil es eben auch die „Trüffelschwein“ – Produkte zeigt.

NJ: Darüber hinaus ist es auch kleiner angelegt. Man kann ein wenig heftiger sein als bei einem Festival, bei dem man konsensfähiger sein muss. Beim Live Art Festival können wir mehr auf die Spitzen gehen.

Eine letzte Frage: Worauf freut Ihr Euch am allermeisten? Euer ganz persönliches Highlight?

MZ: Ich freu mich darauf, dass man nicht alles schaffen kann. Denn alles wird geil.

NJ: Also wenn ich mir wirklich nur eins aussuchen dürfte, nehme ich natürlich Niederlage über die Sonne. Dass zwei Kollektive an einem Event arbeiten und dann auch noch mit diesem sehr spezifischen Setting, das ist wirklich ein Experiment. Das ist schon etwas Besonderes. Ich hoffe nur, dass die Leute das auch so annehmen können. Denn das lässt sich nicht so einfach konsumieren.

Sonst noch was?

Ja. Kommt!

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Aus dem internationalen Festivalkalender:

American Realness (NYC, USA, Januar)

Donau Festival (Wien, AT, April)

Internationales Sommerfestival Kampnagel (Hamburg, DE, August)

 
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Über Kristina Appel

Manche Texte hier behandeln Themen, die ich als Teil meiner Ausbildung zur Journalistin geschrieben habe. Andere wiederum entspringen meinem Alltag, meinen Interessen, meinen eigenen Fragen. Und ich habe ziemlich viele Fragen. Jeden Tag. Ich habe Fragen über das Leben - mein Leben, aber vor allem auch über das Leben anderer. Fragen, vor denen ich ständig davonlaufe, Fragen, die an mir nagen. All diese Fragen sind nur in den seltensten Fällen einfach zu beantworten. Zum Beispiel: Wie treffen Menschen ihre Entscheidungen? Warum treffen sie sie? Welche Kräfte bewegen den Menschen und wie entscheidet man sich eigentlich? Suchen wir uns aus, welchen Beruf wir erwählen, schlittern wir in unser Leben hinein? Prägen uns unsere Familien oder unser Umfeld? Warum finden wir keine Lösung für den Hunger auf der Welt? Wollen wir die überhaupt finden? Kann ein anderer Mensch Schlüssel zu unserem Glück sein? Wird man irgendwann gegen HIV impfen können? Das sind große Fragen, Fragen mit viel Gewicht. Es gibt auch kleine Fragen... Warum macht Frühstücken im Café so viel mehr Spaß, als zu Hause? Warum erholt man sich auf Reisen besser, als im eigenen Wohnzimmer? Gibt es Menschen, die gerne zum Zahnarzt gehen? Das sind kleine Fragen, die mich auch beschäftigen. Die Sache ist die: Sicherlich gibt es Antworten. Die Wissenschaft findet schließlich immer wieder große Antworten auf große Fragen. Aber manchmal reicht die Wissenschaft als Erklärung nicht aus. Und manchmal hat die Wissenschaft auch einfach nix zu melden. Denn dann geht es um mich, um Euch, um persönliche Empfindungen und eigenwillige Gedanken. Vielleicht fragt Ihr Euch manchmal die gleichen Dinge, wie ich. Das würde mich sehr freuen. Denn dann inspirieren Euch meine Texte vielleicht, bringen Euch zum Lachen, zum Weinen oder helfen Euch, Antworten für Euch selber zu finden. Wäre das nicht schön?

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