Dekonstruktion statt Classics

  © Carla Reveland / Kampnagel / 2014

Skurril, extrem, wild und anders. Kampnagel ruft mit dem „Live Art Festival“ zum Exzess auf. Unter dem Motto „excess yourself“ verwandelt sich das Kampnagel-Gelände dieses Jahr dank seines Performance-Overkills zum Acid Bayreuth.

William Blakes „Wisdom through excess“ dient hier als Leitspruch. Der englische Poet und Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts machte sich durch seine revolutionär modernen Lebenseinstellungen einen weltweiten Namen. Sein Zitat „The road of excess leads to the palace of wisdom. You never know what is enough until you know it is more than enough“ gilt in der Popkultur als Grundstein für den Rausch als Lebenseinstellung. Den Exzess als Haltung, als Politikum, als Methode zu sehen, ist Kerngedanke des Festivalkonzeptes. „Excess yourself“ versteht sich gleichermaßen als Motto und Attitüde und nicht als vorgegebene Themensetzung.

Bild: hamburg.de

Bild: hamburg.de

Was für die Künstler gilt, zählt auch fürs Publikum. „Excess yourself“ ist gleichwohl eine Aufforderung ans Publikum. Mitmachen, ausrasten, exzessiv sein. „Der Exzess wird auch vom Publikum erwartet“, sagt Nadine Jessen, die gemeinsam mit Melanie Zimmermann das Festival kuratiert. Der Exzess soll von allen Beteiligten gelebt und erlebt werden. Aktive Partizipation ist das Stichwort. Gemeinsam wird sich auf die „Straße des Exzesses“ begeben, auf dem sowohl der Zuschauer, als auch die Künstler den persönlichen „Palast der Weisheit“ erreichen können. Exzess als Erleuchtung: Der Zuschauer soll Schlüsse und Erkenntnisse gewinnen, die er mit nach Hause nimmt.

On the road of excess kommt man nicht an der Paris Hilton der Perfomance-Szene vorbei. Der queere New Yorker Performancekünstler Neil Medlyn beweist in seinen sechs Shows der „Pop Star Series“ seine Wandlungsfähigkeit. Medlyn imitiert Popstar Persönlichkeiten und kreiert aus seiner Perspektive als Außenseiter, absurde, schräg schöne Happenings. Die ­jeweils einstündigen Vorstellungen, die in Europa Premiere feiern, widmen sich je einem anderen Prominenten. Bei Namen wie Miley Cyrus, Britney Spears oder Michael Jackson, ahnt man bereits, dass der Exzess nicht ausbleiben wird.

Weitere Exzesse sind bei der postkolonialen Performance-Praxis des israelischen Wahlberliners Ariel Eshraim Ashbel oder dem Ballett-Cyberpunk von Halla Ólafsdóttir und John Moström zu erwarten. Und auch die Hamburger Geheimagentur performt dieses Jahr wieder. Inspiriert vom „Essay upon Projects“ von Daniel Defoe sinniert sie über das Projektmachen. Eine Praxis, die sie selbst seit elf Jahren betreibt.

Bild: geschmackvoll.de

Bild: geschmackvoll.de

Die Künstlerkollektive HGich. T. und God’s Enterntainment sorgen schließlich für einen gebührenden Abschluss. Der Zusammenschluss der exzentrischen Hamburger mit den nicht minder extrovertierten Wiener Performern führt das Publikum auf einen dreitägigen Trip der Extreme. Die futuristische Oper „Sieg über die Sonne“ wird zu einem wilden Mix aus Video, Action-Painting, Goa, Hartz-4-Poesie und Musik zur „Niederlage über die Sonne“ transformiert. Dekonstruktion statt Classics: Es entsteht ein Gegenmodell zum neuen Menschen, welches Goa als soziale Praxis versteht. Kampnagel wird zum „Acid Bayreuth“.

Wer inmitten des Theater-Raves eine Auszeit sucht, kann sich im „Refugium Avant-Garten“ zurückziehen und sich auf sein Inneres besinnen. Hinter den Kampnagel Hallen kann man bei Lagefeuer psychoaktive Nachtschattengewächse beobachten, im Blumentopf selbst zur Pflanze werden oder dem Gras beim wachsen zuhören.

Das diesjährige Motto findet sich auch in der extremen Verdichtung des Spielplanes wieder. So wurde das Festival auf vier Tage verkürzt, was dazu führt, dass es bis zu sechs Vorstellungen an einem Tag zu sehen gibt. Dies gibt einem die Möglichkeit zum exzessiven Festivalgänger zu werden, der das Motto „You never know what is enough until you know it is more than enough“ hautnah erleben kann. Exzess wird hier zur Methode.

Seit sechs Jahren findet das „Live Art Festival“ auf Kampnagel statt. Ein skurril schönes Festival, das sich extreme Mottos setzt und sich stets mit Diskursen des Abwegigen auseinandersetzt. Als Theater-Theorie Festival verbindet es Kunst und Wissenschaft ohne festgelegte Regeln. So wurde sich im letzten Jahr mit dem queeren Theoriezweig der Human-Animal-Studies auseinandergesetzt, ein noch recht junges Forschungsfeld, das die Mensch-Tier-Interaktion zum Gegenstand hat.

live-art-festival-2013Gerade die schräge Themensetzung und deren vielfältige Umsetzung, aber auch die Spielstätte selbst machen das Festival so besonders. Wo wenn nicht auf Kampnagel könnte ein solches Festival besser ausgetragen werden? Kampnagel ist ein Ort für Dialoge, Kontroversen und Begegnungen, ein Ort für Subversion und Diskurse. Die aktuellen Auseinandersetzungen in Hamburg wie die rasante Stadtentwicklung, der Abriss der Esso-Häuser, der Kampf um die Rote Flora oder dem Umgang mit Flüchtlingen bilden viel Potenzial. Kampnagel greift die gegenwärtigen Stimmungen der Stadt auf, nutzt sie als Bühne, Materiallager und Forschungsfeld. Als freies Zentrum für zeitgenössische Kunst kann Kampnagel seine Bühne für neue Formate des Theaters öffnen, die für provozierende, brennende, zeitgemäße Themen dringend nötig sind. „Ich habe freie Hand bei meiner Arbeit, was alles andere als Standard in unserer Branche ist“, betont die Festivalkuratorin Jessen. Nur so kann ein Konzept wie das Live-Art Festival überhaupt entstehen, ein Festival das vom offenen Diskurs lebt. Der Exzess wird hier zur Methode, indem durch Übertreibung und Grenzauflösung nicht nur neue Kunstformen und Verhandlungsformate ausprobiert, sondern auch erst hergestellt werden.

Die Konfrontation mit dem Abseitigen, mit dem Anderen, wie beim „Live Art Festival“ gewollt, hat damit auch eine politische Dimension. Der Slogan „Wisdom through excess“ impliziert den Exzess zu erleben, sich mit ihm auseinanderzusetzen und Erkenntnisse aus ihm zu ziehen. Oft muss man den Weg der Extreme gehen, um auf Neues zu stoßen. In unserer Kontrollgesellschaft, in der Werte wie Erfolg, Vernunft und Zurückhaltung dominieren, findet der Rausch als Lebenseinstellung keinen Platz. Ein Grund mehr dem Aufruf Kampnagels zu folgen: Rastet aus, lasst euch gehen, begebt euch auf den Weg des Exzesses.


 

Neil Medlyn

Bild: New York Times

Neal Medlyn

Der queere New Yorker Performance-Künstler gilt als Paris Hilton der Performance-Szene. Er imitiert in seinen außergewöhnlichen Shows verschiedene Pop-Star-Persönlichkeiten, ohne dabei seine eigene Identität zu verlieren. Selbst beschreibt er seine Performance Konzerte als „bomb ass music based extravaganza“. 2010 gewann Medlyn den Dance and Performance „Bessier Award“ als bester Künstler und arbeitete bereits mit Künstlern wie „Beastie Boy Ad Rock“ zusammen. Die „Pop Star Series 1-6“ feiern auf Kampnagel Europapremiere.

Ariel Efraim Ashbel

Bild: Dorothea Tuch

Bild: Dorothea Tuch

Der israelitische Wahlberliner Ariel Efraim Asbel ist Theaterregisseur, Dramaturg und Performer. Sein Blog Grindr Remembers hat mit Fotos von Homosexuellen vor dem Holocaust Mahnmal in Berlin für große Aufregung gesorgt. Im zeitgenössischen Dokumentartheater sieht er eine neue Form des Menschenzoos. Gemeinsam mit dem Anthropologen Romm Lewkowicz, einer internationalen Gruppe von Performern und Musikern, sowie einem Kartoffelsack gibt Ashbel auf Kampnagel sein Deutschlanddebut. „All white people look the same to me: notes on the national pornographic wird zu einer kuriosonen Freakshow, in dem sich der Blick vom Betrachteten zum Betrachtenden verschiebt.

HGich.T

Bild: Art Magazin

Bild: Art Magazin

Das Hamburger Musik- und Performance Kollektiv HGich.T kennen sich wie kein Anderer mit Rausch und Exzess aus. Der Name HGich.T kann „Heute geh ich tot“, „Heute grüße ich meine Tante Thomas“, „Hammer geil ich Tattoo“, oder aber auch ganz was anderes bedeuten. Ihr Album „Hallo Mama“ wurde von der Intro zum „beschissensten Album des Jahrzehnts“ gekürt. 2014 tun sie sich erstmals mit den Wienern von God’s Entertainment zusammen. Daniel Køtz beschreibt ihre Musik folgendermaßen:„Das Chaos, die absolute Unberechenbarkeit, sowie die Tatsache, dass man sich an den wahnwitzigen, unorthodoxen Textenamüsieren und erfreuen kann,                                                  machen den Reiz und den Charme aus.“

God’s Entertainment

Bild: God's Entertainment

Bild: God’s Entertainment

Das experimentelle Theater-Performance Kollektiv aus Wien macht Performances, Happenings, Visual Arts und Sounds. Die Österreicher sind bekannt für ihre extremen Inszenierungen. Mit ihrer Performance „Fight Club realtekken“ haben sie sich zu gewaltanwenden Akteuren gewandelt, die von Zuschauern gesteuert wurden. Mit solchen und ähnlichen Theater-Performances haben sie sich europaweit einen Namen gemacht.

Halla Ólafsdóttir und John Moström

Bild: Märta Thisner

Bild: Märta Thisner

Die schwedischen Choreographen Halla Ólafsdóttir und John Moström verwandeln den Balletklassiker „Giselle“ in ein Cyberpunk-Ballett. In einem viertägigen Workshop erarbeiten professionelle Choreographen zusammen mit 30 Laien eine ganz eigene Interpretation der „Giselle. Die hierarchische Welt des Balletts wird durch verschiedenste Methoden aufgebrochen. Rollen sind nicht zugeteilt und verschwimmen.

Geheimagentur

Bild: Kampnagel

Bild: Kampnagel

Die Hamburger Geheimagentur ist ein „freies Label ein offenes Kollektiv und der Versuch einer praktischen art of being many“. Sie sind bekannt für ihre Produktionen die wie Fiktionen scheinen, der Realität dann aber doch erstaunlich nah kommen. Die Nordlichter zeigen, inspiriert durch den Essay „Essay upon projects“ von Daniel Defoe, ein Projekt übers Projekte machen.

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