Vom Kapitalismus im Prinzip echt angekotzt

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© Nina Pressentin / Geheimagentur / 2014

Keine Namen, keine Bilder und nur wenige Hinweise darauf, was in ihrer Performance beim Live-Art-Festival passieren wird. Das Künstlerkollektiv geheimagentur ist der Versuch, eine neue Realität in die graue Welt des Kapitalismus zu bringen. Als Performance-Netzwerk verschenkt es Limousinen, druckt Schwarzgeld und schlägt sich für neue Projekte die Nächte um die Ohren. Nina Pressentin sprach mit ihnen über ihre gewünschte Unsichtbarkeit, den Kapitalismus und das Projektmachen.

Nina: Der Kapitalismus ist Euer zentrales Thema. Wieso beschäftigt ihr euch so stark damit?

geheimagentur: Wir beschäftigen uns mit dem Kapitalismus, weil der Kapitalismus unser aller Leben bestimmt. Das sind die Bedingungen unter denen wir leben und arbeiten müssen und davon sind wir im Prinzip echt angekotzt.
In den letzten Jahren haben wir viele Situationen erfunden und Institutionen gegründet, die sich erst einmal fiktiv oder irreal anhören, die dann aber doch die Realitätsprüfung bestehen. Also zum Beispiel eine Bank gründen, dann drucken wir Geld und dann ist das wirklich. Dann ist dieses Geld wirklich etwas wert.

Nina:  Ihr seid ein international agierendes Künstler-Netzwerk. Wieso nennt ihr Euch eigentlich geheimagentur?

geheimagentur: Wir nennen den Medien gegenüber niemals unsere Namen und dadurch entsteht schon einmal ein Geheimnis. Und Agentur in dem Sinne, dass wir ein Kollektiv sind, dem sich durch die Zusammenarbeit untereinander mehr Handlungsmöglichkeiten ergeben.

Nina: Was ist die Message der geheimagentur?

geheimagentur: Bei der klassischen politischen Performance geht es oft darum, Missstände aufzudecken. Das wirkt dann oft anklagend. Meistens verharrt es dann in der Kritik des Bestehenden und bestätigt damit bloß die Missstände. Sie verrennt sich irgendwie in diese Kritik. Uns ist eigentlich mehr daran gelegen, eine andere Welt entstehen zu lassen, vielleicht auch nur eine kleinere. Für die Menschen tun sich auf einmal andere Handlungsmöglichkeiten auf. Das mag zeitlich beschränkt sein, aber für diesen Zeitraum entstehen andere Möglichkeiten.
Die Botschaft ist letztendlich: selber machen! Auch zusammen machen! Zusammen selber machen!

Nina: Wie seid ihr denn auf das Thema von Daniel Defoes „Essay upon projects“ gestoßen?

geheimagentur: Das wird in der Performance erklärt. Du stellst uns hier echt vor Probleme. Daniel Defoe hat den Essay 1697 geschrieben und im Prinzip nimmt der Essay sehr viel von dem vorweg, wie unsere Welt heute organisiert ist. Das Zeitalter der Projektemacherei des Kapitalismus und des Kolonialismus bilden sich heraus. Nicht desto trotz waren Projekte anfangs anders als heute. Heute haben Projekte eine Deadline, damals war ein Projekt etwas unmöglich Überschaubares, etwas, das wahrscheinlich scheitert. Diese Radikalität des Projektemachens steckt bei Defoe drin und das hat mit vielem zu tun, was wir bisher gemacht haben.

Nina: Mögt ihr etwas zu den Requisiten sagen?

geheimagentur: Haben wir überhaupt Requisiten? Wir haben Technologien.

Nina: Ihr habt Bilder.

geheimagentur: Bilder genau. Wir machen den „Essay upon projects“ und haben viele Projektoren hier. Das ist nicht nur ein Kalauer, sondern das hat auch etwas damit zu tun, dass wir projizieren. Bilder an die Wand zu werfen, um damit etwas zu entwerfen, hat etwas mit Projekten zu tun, insofern ist es eine sehr naheliegende Wahl von Technologien. Man kann behaupten, dass der Projektor eine Entwurfsmaschine ist, eine Maschine, um Sachen in die Zukunft zu schleudern. Im lateinischen Wort „proiect“ geht es interessanter Weise auch um das Hinwerfen, was wichtig für die Performance ist. Das ist nämlich das letzte Projekt, das die geheimagentur macht.

Nina: Das hier ist das letzte Projekt?

geheimagentur: Danach machen wir etwas Anderes.

Nina: Das Motto des diesjährigen Live Art Festivals ist „excess yourself“. Wie passt dieses Motto auf euer Projekt?

geheimagentur: Ein Projekt ist eine exzessive Form der Selbstausbeutung. Ich glaube in keinem Arbeitsverhältnis gibt es ein derartiges Ausmaß an Selbstausbeutung wie in diesem Projektmodus. Ich glaube, das kann auch jede andere Gruppe hier auf dem Gelände bestätigen. Projekt bedeutet immer: krasse, krasse, krasse Nachtschichten schieben und während das eine Projekt läuft, fängt bereits das nächste an.

Nina: Was wollt ihr mit eurer Performance bei den Zuschauern auslösen?

geheimagentur: Wir brauchen die einfach, wir können das nicht ohne die machen.

Nina: Sie werden also richtig in die Performance eingebunden?

geheimagentur: Es gibt die Möglichkeit. Man kann mitmachen, man muss aber auch nicht. Wir arbeiten jetzt seit sehr vielen Jahren daran, manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter und ich glaube wir haben da auch so ein paar ganz gute Mechanismen entdeckt, um das praktikabel zu machen. Wir wissen, wie man mit Leuten arbeiten kann, wissen wie man Leute dazu bringt oder einlädt oder eben die Möglichkeit eröffnet an solchen Sachen teil zu haben. Ich glaube der Spannende Punkt an dem Abend ist, ob wir mit dem Publikum etwas zusammen entwickeln oder nicht.

Nina: In Defoes Essay steht der Satz: „So wie ein Essay ein Versuch ist, sind auch Projekte Versuche“, wie trifft das auf euch zu?

geheimagentur: Oft hat ja der Versuch das Projekt zur Folge. Es muss aber nicht einmal eine Ursache- und Wirkungsbeziehung zwischen dem Entwerfen und Realisieren des Projektes geben, sodass Sachen oft gleichzeitig entstehen. Verschiedene Projekte werden an verschiedenen Orten gleichzeitig entwickelt. Oft bleibt es ja auch beim Versuch und der Versuch ist eben sogleich auch seine eigene Realisierung. Der Versuch ist keine Vorstufe von etwas, sondern genau das, worum es geht.

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