geheimagentur Ende – Wir schmeißen zusammen hin!

© Nina Pressentin© Nina Pressentin / Geheimagentur auf Kampnagel / 2014

Sie beschweren sich übers Projektemachen. Und sie beschweren sich über das Prinzip des Projektmachens. Prekär, ohne Sicherheiten. Ein Projekt jagt das nächste, manche werden nie verwirklicht. Die meisten sogar, wie das Hamburger Künstlerkollektiv „geheimagentur“ kritisch feststellt. Das Performance-Netzwerk hat nach elf Jahren Projektemacherei die Nase voll von Projekten. So wird es höchste Zeit sie alle mittels Projektoren performativ an die Wand zu werfen und etwas völlig Neues zu wagen. In ihrem neuesten Stück verhandeln sie den „Essay upon Projects“ von Daniel Defoe aus dem Jahr 1697 neu. 

Wenn das Publikum den Künstlern schon auf der Bühne beim Umziehen zusehen darf, dann ist diese Performance ein derber Gesamteindruck, der mit Wucht von allen vier Wänden, bespielt mit Projektoren, auf das Publikum einprasselt. Da weiß man schon, hier wird kein klassisches Theater gespielt, hier wird performed. Das Performancekollektiv spielt sich diesmal selbst. Sie spielen Projektemacher in barocker Kleidung. Sie sind soeben in das Jahr 1697 gereist, in das Jahr von Daniel Defoe und doch bleiben sie im Hier und Jetzt und gehen sogleich auch in eine Zukunft frei von Projekten, aber mit neuen Herausforderungen. Die Inszenierung des „Essays upon Projects“ ist das geworden, was Daniel Defoe zu Folge nie hätte sein können, das erfolgreiche Ende eines Projektes.
Die geheimagentur befasst sich als Künstlerkollektiv seit elf Jahren mit Projekten. Ihre Werke haben alle die Gemeinsamkeit, dass sie, wenn auch nur kurzfristig, dem Publikum neue Wege abseits des Kapitalismus aufzeigen. Ihr erklärtes Ziel war seit jeher nicht wie so viele auf den Fehlern und Schwächen dieser Wirtschaftsform herumzureiten, sondern funktionierende Alternativen zu finden. Sie machten Projekte wie „die Schwarzbank“, mit der sie in Oberhausen die neue Währung „Kohle“ einführten oder den „Unwahrscheinlichkeitsdrive“, für den sie eine Stretch-Limousine zweckentfremdeten. Die Inszenierung ist ein Rückblick, ein Ausblick und die nachträgliche Erklärung, was das alles mit Daniel Defoe zu tun hatte.

Defoe lässt die Puppen tanzen.

Seit ihrem Bestehen scheint die geheimagentur von diesem Mann gelenkt zu werden, von dem sie am Anfang allerdings nichts wussten. Daniel Defoe sagte in seinem „Essay upon Projects“ von 1697 voraus, wie unsere Wirtschaft heute funktionieren würde, ohne dies eigentlich zu wollen. Er baute Fantasiegebilde von Banken und Versicherungen, die er zum Scheitern verurteilte. Projektemacher waren für ihn Puppenspieler, die ihre aberwitzigen Vorstellungen niemals in die Tat umsetzen können. Das Inhaltsverzeichnis seines Essays spiegelt nahezu jedes Projekt des Künstlerkollektivs der vergangenen elf Jahre wider. Defoe verabscheut Projektemacher und doch legt er diesen sieben Projektemachern seine Worte in den Mund.

© Nina Pressentin© Nina Pressentin / Geheimagentur auf Kampnagel II / 2014

Der Overhead-Projekter gilt in der Projektmacherei als wichtiges Werkzeug und ist bei dieser Performance zugleich die wichtigste und auch einzige Requisite. Er wirft die Entwürfe an die Wand und schleudert sie somit direkt in die Zukunft, damit alles bisherige hingeworfen werden kann. Das Neue wird nach vorne geschossen, das Konzept auf der Folie aber bleibt. Ideen werden zu Projekten und manche Projekte werden zu Blasen und verpuffen unerfüllt. Die Technik mag veraltet wirken, dient aber nach wie vor einem Zweck: Ideen zu visualisieren und miteinander Konzepte zu entwickeln. Jede Wand des Raumes wird in dieser Performance von Projektoren und Beamern mal in farbiges Licht, mal in Bilder historischer Projekte, mal in Formen getaucht, die an große Errungenschaften erinnern. Und nicht zuletzt dienen sie auch der Darstellung der Geschichte der geheimagentur, elf Jahre Projektmacherei.

Durch die Performance zieht sich der rote Faden der Entscheidung. Sobald das Publikum den Raum betritt, muss jeder Einzelne Entscheidungen treffen: Angefangen bei der Wahl des Sitzplatzes über die Auswahl der Erzählungen bis hin zum Mitwirken an der Zukunft der geheimagentur. Jeder Zuschauer wird selbst zum Projektemacher, jeder ist aufgefordert, seine Ideen in die Zukunft zu schleudern. Und jede Entscheidung zieht neue nach sich. Performance als Partizipation.

„The Conclusion“

Die geheimagentur zieht sich mit diesem letzten Projekt von der Projektmacherei zurück. Sie hat Defoes Inhaltsverzeichnis nun vervollständigt. Sie haben sich mit dieser Performance alles andere als verspekuliert, dennoch können sie das Buch nun schließen. Gleichzeitig haben sie an diesem Abend ihre eigenen Erben rekrutiert. Die geheimagentur existiert weiter, wenn das Publikum die richtige Entscheidung trifft, nämlich die, die fehlenden Projekte mit Leben zu füllen.

© Nina Pressentin© Nina Pressentin / Geheimagentur auf Kampnagel III / 2014

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