“I am pure and simple and I don’t have anything inside me”

Neal-Medlyn-Nackt-2© Steffen Peters / Neal Medlyn unzensiert / 2014

„How many  giiiiiirls are here tonight?“ schreit der New Yorker Performer Neal Medlyn in seiner vierten Show beim Live-Art-Festival in das Mikrofon. Ein Ausschnitt aus Britney Spears Lied “Brave New Girl”, die in seinen Pop-Star-Series als Medienphänomen analysiert und performant wird.

Der New Yorker Performerkünstler präsentiert seine Arbeiten im Rahmen des Live Art Festivals auf Kampnagel zum ersten Mal in Europa. Dabei steht er in zerissenen Hotpants und zu engem pinken Hannah Montana Shirt  auf der Bühne, fuchtelt mit den Armen und singt Lieder von Miley Cyrus teilweise neu interpretiert, teilweise auch gecovert. Eine gelungene Show, die verdeutlicht wie traurig und einsam das Leben als Hannah Montana sein muss, lebt sie doch das Leben, das ihr Vater Billy Ray Cyrus, hier gespielt von Carmine Covelli, gerne gelebt hätte. Auch Neals Freund Farris Craddock ist im Scheinwerferlicht in Hamburg zu sehen.

Neal Medlyn beschäftigt sich in dieser Show mit den überlagernden Persönlichkeiten und Identitäten von Hannah Montana und Miley Cyrus. Hannah Montana ist die Hauptfigur aus der gleichnamigen Walt Disney Fernsehserie und wird von Miley Cyrus gespielt. Hannah führt hier ein Doppelleben: Währen sie morgens eine ganz normale Schülerin ist, verwandelt sie sich abends mit Hilfe einer blonden Perücke in eine erfolgreiche Popsängerin. Miley Cyrus, Alter Ego von Hannah, einst Teenager- Star und Idol einer ganzen Generation, ist heute mit knapp 21 primär Popstar auf der schwierigen Suche nach sich selbst, die mehr über Skandale als über ihre Musik in die Medien rückt.

Gleich zu Beginn wird die Hauptaussage der Show verkündigt, bevor die Performance überhaupt richtig angefangen hat: Am Ende wird jeder wissen, dass man so viele Persönlichkeiten auf einmal verkörpern kann wie man möchte. Sinnbildlich wechselt  Medlyn immer wieder zwischen Hannah Montana und sich selbst, stellt zum einen das Leben von Miley Cyrus als das  Montanas dar und dann wieder ihr „echtes“ Leben, das erst ab fünf Uhr morgens richtig beginnt. Diese ständige Metamorphose zeigt Medlyn durch das Auf- und Absetzen einer blonden Perücke, dem Markenzeichen Hannah Montanas. Einzig und allein die dicke Hornbrille, das zu enge, pinke T-Shirt und die knappe Shorts ziehen sich durch die ganze Show. Genauso wie die Ironie. Aus fast jedem Satz und jeder Bewegung sprüht dem Zuschauer Sarkasmus entgegen. Schon als er sich als Hannah Montana vorstellt: „ I’m a pure white lily of a good time” merkt das Publikum, dass Medlyn Montanas Leben nicht ernst nehmen kann. Sein Bariton übertönt die piepsige Stimme von Miley Cyrus. Die Arme werden hochgestreckt, die Beine auseinander – unbeholfene, ungelenke Bewegungen übersteigern das Ganze noch und lassen den Zuschauer schmunzeln.  Er wird von Billy Ray Cyrus unterbrochen, der eine hohe Leiter hinunter klettert und immer wieder „Caterpillar“ sagt. Ein Ausschnitt aus dem Song: „Butterfly fly away“, den Billy Ray Cyrus zusammen mit Miley aufgenommen hat. Das der besungene Schmetterling aber nicht wegfliegen kann, wird klar, als Billy unten angekommen ist. Er hält Montana für zu einfach gestrickt: “Those songs are never going to be any good.” Sie sagt zu ihm: “I am pure and simple, and I don’t have anything inside of me.” Medlyn liefert Montana überzeugend dem Klischee eines doofen Blondchen aus, das auch noch stolz darauf ist genau das zu sein.

„Pure“ ist das Wort, welches in stetiger Wiederholung auftaucht. Dabei ist Montana alles andere als sie selbst. Sie lebt für ihren Vater, nicht für sich selbst. Medlyn zeigt das wiederholt in seinen Dialogen und symbolischen Handlungen. Papierkugeln treffen Montana, der Akt soll ihrem Vater beweisen, dass sie den Druck aushalten kann, doch beim kleinsten Schmerz schreit sie auf. Immer wieder ist der Vater von ihr enttäuscht. Montana erscheint hier gar als bemitleidenswert. Verzweifelt kopiert sie Persönlichkeiten und Rollenbilder, die sie nicht ausfüllen kann. Sie findet nicht zu sich selbst.

Medlyns Performancereihe „Pop Star Series“ erweist sich als eine Mischung aus Theater und Konzert, aus Comedy und Performance. In insgesamt sechs Shows schlüpft er von einem Star in die nächste berühmter Persönlichkeit und interpretiert deren Leben auf seine ganz eigene Art und Weise. Ob Miley Cyrus, Britney Spears oder Phil Collins: Medlyn schafft es durch seine Analyse und Auslegung das Leben der Persönlichkeiten zu parodieren, ohne zu sehr ins Absurde abzurutschen. Preisgekrönt und als „Paris Hilton der Performance-Szene“ gelingt ihm  auch in dieser Performance der Wechsel zwischen unterschiedlichen Charakteren. Spielt er am Anfang gekonnt Hannah mit den langen, blonden Haaren, transformiert er sie zunehmend in Miley Cyrus und zeigt seine Sicht auf ihre Welt. Aus Performance-Theater wird Performance Konzert und umgekehrt.

Sportliche an Aerobic erinnernde tranceartige Tanzbewegungen von Medlyn und seine Kollegen im Rhythmus der Dialoge stellen Miley Cyrus Alltag dar. Sie wiederholen im monotonen Gesang:  „Caterpillar in the tree. How you wonder who you’ll be. Can’t go far but you can always dream.” Es ist immer wieder das Gleiche, jeden Tag der gleiche Kampf. Hartes Training um etwas zu sein, was sie nicht sein möchte. Keine Zeit für sich, keine Zeit, um in ihrem Zimmer zu sitzen und die Dinge zu tun, die ein Teenager eben so macht. Das Lied „Wrecking Ball“ singt Medlyn als Medlyn also Miley als Miley- in seiner eigenen Version. Es wirkt als ob er in einer anderen Welt ist. Nicht in der Popwelt, sondern in seiner eigenen. Medlyn alias Miley alias Montana singt Texte, die ihr Vater schreibt. Wer sie wirklich ist, bleibt ein Geheimnis. Montana funktioniert als Synthese verschiedener Persönlichkeiten, als Metapher ihrer selbst, nur ist sie nie sie selbst. Montana beschließt die Perücke abzulegen und von nun an als Cyrus auf der Bühne zu stehen. Medlyn zeigt diesen Wandel in dem er und seine Schauspielerkollegen wild auf das Schlagzeug hämmern und E-Gitarren bis zum Anschlag gespielt werden. Ein Lärmpegel entsteht, der fast nicht aushaltbar ist. Dennoch schafft Medlyn gerade durch diese Übertreibung den Zuschauer zu bannen. Gerade, weil er so exzessiv handelt, ausrastet und übersteigert, genießt er die Aufmerksamkeit des Publikums. Vielleicht will er so auch die Verbindung zu Cyrus echtem Leben aufzeigen, die immer wieder durch negative Schlagzeilen in den Medien auffällt. Pop pur.

Medlyn scheint seine Show komplett zu leben und steckt mit jedem Teil seines Körpers in Hannah Montana oder Miley Cyrus. Überzeugend und mit viel Ironie stellt er das Leben des Teenager-Stars dar, das eigentlich kein Leben ist, sondern ein einziger Kampf mit sich selbst auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Und das unter stetiger medialer Beobachtung. Medlyn schafft es durch Übersteigerung und Übertreibung seiner Albernheit das Publikum zu belustigen, gleichzeitig bietet er viel Stoff zum Nachdenken an. Der Zuschauer hinterfragt sich selbst, was er ist und ob er sein eigenes Leben lebt oder wie Miley für andere lebt. Medlyn zeigt, dass auch nach der Entscheidung Hannah den Rücken zuzukehren, um als Miley Cyrus aufzutreten nur eine weitere Figur auf der Bühne steht, die sich noch finden muss. Aus der Raupe Miley Cyrus ist auch nach dem Ablegen der Perücke immer noch kein Schmetterling geworden, der aus dem Traum des Vaters ausbrechen kann.

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