Wenn Menschen mit den Bäumen kuscheln

Bildschirmfoto 2014-06-19 um 23.25.09© Hubertus J. Schwarz / Gespräche im Avant-Garden / 2014

Ekstase und Chaos regieren auf Kampangel. Das diesjährige Live Art Festival steht unter dem Motto „Excess Yourself!“. Aber wo Schatten ist, gibt es immer auch Licht. In diesem Fall bewahren die Raumkünstler des Kollektivs REFUGIUM einen Hort der Ruhe und Entspannung in dem sich die Festivalbesucher von den Strapazen erholen sollen. Hier gibt es die Möglichkeit zum Earthing, einer Pflanzenmeditation oder der Austreibung böser Dschinnis durch einen Azubi-Schamanen im Wolfspelz. Biljana Milkov erzählt von Orgoniten und Tripgängern, die mit den Bäumen kuscheln.

Ihr habt hier übernachtet, wie war’s?
Biljana: Interessant…

Was heißt das?
Es hat geregnet um acht Uhr morgens. Das war laut und das Wasser hat sich hier über dem Zelt angesammelt. Aber es ging, alles in allem.

Wie ist denn die Resonanz von den Leuten, die euch hier im Avantgarden besuchen kommen?
Wir haben ein ganz unterschiedliches Publikum. Theatergäste, die genießen das hier total, machen Salongespräche und quatschen über Kunst. Und danach hatten wir gestern diese Goa-Menschen, das ist schon Klinikum mäßig. Die müssen erst einmal herunterkommen, relaxen, chillen. Die sind ganz aggressiv aufgeladen.

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„Natur hat nichts mit Harmonie zu tun und Ökologie nichts mit Schuld“

Jozef Wouters meint, dass unsere bildliche Vorstellung von dem komplexen Ganzen, was wir Ökologie nennen, problematisch ist. Naturhistorische Museen und Zoos präsentieren uns Bilder voller Harmonie. Harmonie, die wir durch die Art wie wir leben und die Dinge die wir tun, zerstören. Wir nehmen das an. Dabei hat die Natur weder was mit Harmonie, noch mit Schuld zu tun. Das wird im zoologischen Institut für kürzlich ausgestorbene Tierarten gezeigt – Kritik und Vorschlag an naturhistorischen Museen, indem Schuld mit Zweifel ersetzt werden. Mit Entscheidungen die getroffen werden, ohne die Konsequenzen zu kennen.

In der Ausstellung wird das Beispielsweise mit einer Tafel gezeigt, die voller Bilder von Vögeln ist. Sie erzählt uns von dem Moment in der Geschichte, als ein englischer Mann in New York die schöne Geste machte Amerika alle die Vögel vorzustellen, die Shakespeare in seinen Werken beschreibt. Am 27. November 1847 ließ er 60 Stare im Central Park frei. Heute gibt es 200 Millionen Stare in Amerika und sie stellen eine riesige ökologische Krise dar. Aber der Mann, der den Wunsch hatte Amerika diese Vögel zu zeigen, weil er meinte, dass sie ohne diese Vögel nicht leben könnten, hat er Schuld? Es war eine Entscheidung, bei denen er die Konsequenzen nicht kannte.

Genau so funktioniert das Institut für kürzlich ausgestorbene Tiere am Kampnagel. Einzelne Momente in der Geschichte des Menschen und des Tieres werden zum Symbol für eine riesige Problematik, die für die meisten Menschen nicht nur immer noch unverständlich ist, sondern auch immer unverständlicher wird: Ökologie. Im Museum am Kampnagel werden diese Momente mit einzelnen Gegenständen dargestellt, die mit Geschichten, Fotos, kleinen Filmen und Audio-Beilagen ergänzt werden. So findet man beispielsweise eine Statue von einem Wolf, die Augen einer besonderen Ziegen-Spezies und eine kleine Figur eines Wals und eines Kanus. Während in den meisten Museen Erklärungen gebraucht werden, um den Kontext auch sicher zu verstehen, ist bei diesem möglichen naturhistorischen Museum ein besonderer Einblick in den Kopf des Kurators nötig, um 34 ausgestellten Momente, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Mensch und Spezies und die Aufforderung zu verstehen, die das Institut an die naturhistorischen Museen macht. Früher schickten die Museen Jäger aus, die unbekannte Tierarten jagen sollten, um sie auszustopfen und mit ins Museum zu nehmen. Auf diese Weise konnten Menschen in die Augen eines Tieren schauen, dass ihnen unbekannt war. Jetzt dürfen die Museen nicht mehr jagen gehen, aber das zoologische Institut für kürzlich ausgestorbene Tierarten fordert sie dennoch dazu auf: „Right now I cannot understand ecology, really, I cannot get my head around this whole complex problem which I don’t see, which I hear of. I think the natural history museum should send out hunters again to hunt for images of ecology right now.”

Jozef Wouters, der Kurator des zoologischen Instituts für kürzlich ausgestorbene Tierarten bietet kurze Führungen an, in denen er ausgewählte Geschichten aus dem Museum erzählt und erklärt. Wenn man sich einen Augenblick damit auseinandersetzt, den Gedanken, die Kritik und vor allem den Gegenvorschlag erkennt, dann verlässt man das Institut mit angeregten Gedanken und möglicherweise einer neuen Sicht auf Ökologie, Harmonie und Schuld.

Mehr zum Thema: Interview mit Jozef Wouters https://liveartfestival.wordpress.com/2013/06/07/34-exact-moments-our-natural-history-as-a-series-of-doubt/