Die uns das Fürchten lehren

Hubertus J. Schwarz_Exzess Goa Party_Kampangel_2014_2Hubertus J. Schwarz / Exzess Goa Party / 2014

HGich.T und God’s Entertainment funktionieren als Theateranarchisten und Medienverweigerer. Beim Live-Art-Festival auf Kampnagel führten sie in den geplanten Exzess.

Sie liegen auf dem Boden, in Lachen aus verschüttetem Bier, Schweiß und Neonfarben, die Kinder des Wahnsinns. Wie die Schmeißfliegen im Netz der Spinne strampeln die Besucher des diesjährigen Live Art Festivals mit den Beinen und bleiben doch gefangen. In dem verkrampften Versuch das Bewusstsein zu erweitern, sind sie blindlinks in die Falle des Schwarzen Witwers geflogen. Der Exzess auf Kampnagel hat seinen Zenit überschritten und feiert sich selbstherrlich als quasi-gnostische Glaubenslehre über Sieg und Niederlage.

„Verschwende dich, deine Rente oder was auch immer“, so schreit es einem aus dem Programm des sechsten Live-Art-Festivals entgegen. Unter dem Motto „Excess Yourself“ prallen die beiden Performance Kollektive HGich.T und God’s Entertainment aufeinander. Sie wollen mit ihrer Co-Produktion nicht weniger als ein Gegenmodell zum Neuen Menschen entwerfen. Der Neue Mensch, für die Nationalsozialisten war er der rassenreine Arier, für die Kommunisten eine gleichgeschaltete Drohne destilliert durch die Rote Revolution ­– ein Arbeitstier und kaltblütiger Krieger, wie Ernst Jünger ihn stilisierte.

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Drei Monate Deutschland – dann war das Geld weg

Der New Yorker Performance-Künstler Neal Medlyn gilt als „Paris Hilton der Performance-Szene“. Im Interview mit Jan Werum spricht der preisgekrönte Künstler über seine zwei Jobs, die ihm sein Leben im teuren New York finanzieren, seine Zeit in Berlin und seine Performance, die er als wahres Feuerwerk beschreibt.

Sein oder nicht sein – Die ewige Suche nach der richtigen Antwort

Attacke_Kampnagel_arielefraimashbel© Carla Reveland / Attack / 2014

Eine internationale Performer-Gruppe, Musiker, ein unsichtbarer Chor und ein Kartoffelsack. So wurde vorab das Ensemble beschrieben, das der israelische Künstler Ariel Efraim Ashbel am Donnerstagabend nutzte, um seine Zuschauer in die Welt der Anthropologie zu entführen. Dass diese Welt nicht staubtrocken und langweilig sein würde, war bei einer Live-Performance zu erwarten. Stattdessen erstreckte sich ein wahrer Urwald aus Möglichkeiten auf der Kampnagel-Bühne; belehrend, wandelbar und vor allem eines: vielseitig. Ashbel zeigt eindrucksvoll, wie er mit einem Paradoxon den Abend füllen kann.

Es ist ein Auftritt der fantastischen Fünf als die Performer wortlos auf die Bühne treten. Stereotypen einer modernen Welt: Das schwangere Schneewittchen gesellt sich zur brünetten Lolita-Lady-Gaga, ein tätowierter Robinson Cruseo beäugt eine junge Jamie Lee Curtis im Butler-Gewand und auch ein drolliger Vetter-It-Verschnitt tapst durch eine Umgebung voller bauklotzartiger Gebilde. Die moderne Addams Family tastet sich langsam an das heran, was Ihnen gegeben ist. Und so vollbringt sie eine Reise vom orientierungslosen Naturzustand über die Götzenanbetung bis zur Neuzeit voller philosophischer Ansätze. Von Hegel bis Oscar Wilde.

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Ein Texaner, ein Bär und Britney Spears

DSC_0145© Jan Werum / Neal Medlyn auf dem Live Art Festival / 2014

Gesellschaftskritik getarnt als Pop-Konzert: Der preisgekrönte Performance-Künstler Neal Medlyn zieht auf Kampgnagel alle Register und beweist, warum er einer der Höhepunkte des Live Art Festivals ist.

Schräge, traurige Klaviertöne erfüllen die gut besuchte Halle. Es dauert einige Sekunden, bis man die Töne als Britney Spears Song „Everytime“ identifiziert. Der New Yorker Performance-Star Neil Medlyn steht unauffällig, in ein weißes Nachthemd gekleidet, neben der Bühne. Soweit wie in Spears Videoclip zu „Everytime“ kommt es nicht (sie verübte Suizid in der Badewanne). Die Stimmung ist gleich zu Anfang auf dem Tiefpunkt, als Medlyn das Publikum auffordert an eine Zahl zwischen Eins und Zehn zu denken. „Ist es die Drei?“ Kopfschütteln im Publikum. „See y´all I am magic“ ruft Medlyn und freut sich wie eine Teenie-Göre, die zwei neue Likes auf ihr Profilbild bekommen hat.

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geheimagentur Ende – Wir schmeißen zusammen hin!

© Nina Pressentin© Nina Pressentin / Geheimagentur auf Kampnagel / 2014

Sie beschweren sich übers Projektemachen. Und sie beschweren sich über das Prinzip des Projektmachens. Prekär, ohne Sicherheiten. Ein Projekt jagt das nächste, manche werden nie verwirklicht. Die meisten sogar, wie das Hamburger Künstlerkollektiv „geheimagentur“ kritisch feststellt. Das Performance-Netzwerk hat nach elf Jahren Projektemacherei die Nase voll von Projekten. So wird es höchste Zeit sie alle mittels Projektoren performativ an die Wand zu werfen und etwas völlig Neues zu wagen. In ihrem neuesten Stück verhandeln sie den „Essay upon Projects“ von Daniel Defoe aus dem Jahr 1697 neu. 

Wenn das Publikum den Künstlern schon auf der Bühne beim Umziehen zusehen darf, dann ist diese Performance ein derber Gesamteindruck, der mit Wucht von allen vier Wänden, bespielt mit Projektoren, auf das Publikum einprasselt. Da weiß man schon, hier wird kein klassisches Theater gespielt, hier wird performed. Das Performancekollektiv spielt sich diesmal selbst. Sie spielen Projektemacher in barocker Kleidung. Sie sind soeben in das Jahr 1697 gereist, in das Jahr von Daniel Defoe und doch bleiben sie im Hier und Jetzt und gehen sogleich auch in eine Zukunft frei von Projekten, aber mit neuen Herausforderungen. Die Inszenierung des „Essays upon Projects“ ist das geworden, was Daniel Defoe zu Folge nie hätte sein können, das erfolgreiche Ende eines Projektes.
Die geheimagentur befasst sich als Künstlerkollektiv seit elf Jahren mit Projekten. Ihre Werke haben alle die Gemeinsamkeit, dass sie, wenn auch nur kurzfristig, dem Publikum neue Wege abseits des Kapitalismus aufzeigen. Ihr erklärtes Ziel war seit jeher nicht wie so viele auf den Fehlern und Schwächen dieser Wirtschaftsform herumzureiten, sondern funktionierende Alternativen zu finden. Sie machten Projekte wie „die Schwarzbank“, mit der sie in Oberhausen die neue Währung „Kohle“ einführten oder den „Unwahrscheinlichkeitsdrive“, für den sie eine Stretch-Limousine zweckentfremdeten. Die Inszenierung ist ein Rückblick, ein Ausblick und die nachträgliche Erklärung, was das alles mit Daniel Defoe zu tun hatte.

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Stilbildend, nicht abbildend

Kristina Appel spricht mit den beiden Kuratorinnen des diesjährigen Live Art Festivals „Excess yourself!“ Melanie Zimmermann und Nadine Jessen  über Trüffelschweine, Zumutungen und persönliche Highlights.

Dramaturginnen Kampnagel Interview© Kristina Appel / Kampnagel Dramaturginnen / 2014

Nadine Jessen, Melanie Zimmermann, Ihr seid schon seit einigen Jahren als Dramaturginnen auf Kampnagel tätig. Das Live-Art-Festival kuratiert ihr seit drei Jahren. Was macht die Arbeit einer Dramaturgin aus?

Jessen: Wir haben auf Kampnagel einen eigenen Begriff dafür gefunden, der sich „Schamaturgie“ nennt. Also eine Mischung aus Schamane und Dramaturgie. Und weil das Team der Dramaturgie auf Kampnagel nur aus Frauen besteht, sind wir eben Schamaturginnen.

Zimmermann: Als Dramaturgen machen wir vor allem den Spielplan und kümmern uns um die Produktionen. Wir sind also schon beim Entstehungsprozess dabei. Wir schreiben die Konzepte mit, schauen wo man Geld herbekommt und platzieren dann das Projekt. Zum Schluss beobachten wir, wie die Produktion verläuft und versuchen nochmal unterstützend zu wirken. Dabei sind wir vor allem hier vor Ort, reisen aber auch viel rum, schauen wo die interessanten Produktionen, wo die interessanten Künstler sind.

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Ich bin viele. Die Berliner Performerin Antonia Baehr im Gespräch

Antonia Baehr

Antonia Baehr als Beutelwolf

Ich treffe die Berliner Performerin Antonia Baehr im Restaurant Casino auf dem Kampnagel-Gelände in Hamburg. Gerade kommt sie von den Proben zu ihrer Performance „Abecedarium Bestiarium – Affinitäten in Tiermetaphern“, welches beim LIve Art Festival aufgeführt wird. Wir sprechen über Geschlecht, Identitäten und warum die Welt nicht so ist wie sie scheint.

Frida Kammerer: Ein Stück über ausgestorbene Tiere und deren Identität, geschrieben von deinen Freunden. Wie kamst du auf diese außergewöhnliche Idee?

Antonia Baehr: Ich habe mehrere Stücke über die Konstruktion von Identität gemacht. Es geht ja rund um das Thema „Wer bin ich?“ durch den Blick der Anderen. „Abecedarium Bestiarium“ ist ein weiteres Stück in die Richtung.

Kammerer: Wie kamst du auf die Idee mit den ausgestorbenen Tieren?

Baehr: Es ist kein Stück über Tiere. Das Tier ist eine Metapher. Der Vergleich zwischen Tier und Mensch im umgangssprachlichen ist ja sehr geläufig, man sagt zum Beispiel „du kleines Häschen“. Es soll aber kein Stück über ausgestorbene Tiere sein. Die Performance handelt von Beziehungen. Ich habe das Tier als Metapher gewählt, weil das Tier nie das Recht oder die Chance hatte ein Tier zu sein. Es war schon immer für uns Menschen etwas anderes, schon immer eine Metapher oder ein Symbol. Es geht in dem Stück darum, noch weiter in die Richtung zu gehen.

Kammerer: Wieso sollten es dann die ausgestorbenen Tiere sein?

Baehr: Es gibt mehrere Gründe: Erstens hat es damit zu tun, dass wir wenig wissen wie ausgestorbene Tiere aussahen oder wie sie geklungen haben. Zweitens hat es damit zu tun, dass wir uns mit jenen Arten verbunden  fühlen, die nicht effizient genug waren um zu überleben. Deswegen sind sie auch fantastisch und deshalb faszinieren sie uns. Der dritte Grund hat mit temporal drag zu tun. Das kann man schlecht übersetzen, am nächsten käme da wohl der Begriff Transvestitismus, das ist jedoch ein sehr klinischer Begriff. Und das hat ja auch etwas zeitlich begrenztes.

Kammerer: Freunde und Kollegen von dir sollten sich aus der Vielfalt der ausgestorbenen Tiere eines aussuchen, das die Freundschaft zu dir reflektiert. Das ist ja das Konzept deiner Performance. Wie haben deine Freunde auf deine Anfrage reagiert?

Baehr: Das ist relativ kompliziert, denn die Affinität kann viele Formen haben. Ich bin zum Beispiel ein Bär. Dieses Spiel spielt man ja oft: Welches Tier wärst du?  Das ist wiederum auch ein Ausdruck von Freundschaft, wenn man dieses Spiel spielt. Oder von Hass. Es gibt eine Korrespondenz zwischen dem Autor und dem Tier. Sabine Ercklentz zum Beispiel hatte Mitleid mit der Stellerschen Seekuh. Das wichtige dabei ist: Die Stellersche Seekuh ist nicht Sabine Erklinz, sondern Sabine Erklinz hatte Mitleid mit ihr. Die Affinität kann so viele Formen haben.

Kammerer: Dein Tier ist der Bär, wieso spielst du ihn nicht?

Baehr: Weil ich es interessanter finde, dass ich wirklich nur die Stücke der Anderen spiele und mich dadurch selbst als Autor wegradiere. Ich verschwinde hinter den Anweisungen meiner Freunde, den künstlerischen Stilen und was dazu gehört.

Kammerer: In deiner Performance geht es ja auch um Geschlechter und Kategorisierung…

Baehr:  „Abecedarium Bestiarium“ soll binäre Systeme wie Mann/Frau, Tier/Mensch in Frage stellen und ins Wanken bringen. In unserer Kultur zum Beispiel ist es immer ganz wichtig gewesen, zwischen Tier und Mensch zu unterscheiden, zu sagen „Wir sind etwas besseres“. Deshalb müssen wir beweisen, dass wir anders sind als das Tier und auch anders als der schwarze Mensch. Wir müssen beweisen, dass es da einen riesen Unterschied gibt. Das ist unsere westliche Tradition, unsere kulturelle Tradition. Und jetzt gibt es durch die postkolonialen studies und gender studies eine Kritik an dieser europazentierten Weltsicht. Es ist ja eigentlich nur ein Machtsystem. Die Herrscher müssen immer beweisen, dass sie sehr anders sind als jene, die sie beherrschen. Das ist aber eigentlich nur eine Konstruktion. Ein Regime dass immer wieder formuliert wird. Diese Unterscheidung zwischen dem Mensch und dem binären System Mensch/Tier und der gesetzte riesige Unterschied dazwischen, das ist ein binäres System. Diese Perspektive kommt nun ins wanken.

Kammerer: Manche vergleichen deine Performance mit Karneval oder Fasching…

Baehr: Diesen Vergleich finde ich absolut daneben. Für einige ist drag halt eine Kostümfrage. Man verkleidet sich als Mann oder Frau. Da gibt es dann keinen Unterschied zwischen drag und Hamlet, welcher von einer Frau gespielt wird. Dass es da um Identität geht und auch im Begehren, dass ist jenseits deren Horizontes.

Kammerer: Um Begehren? Kannst du das noch einmal genauer definieren?

Baehr: Animal drag und temporal drag müsste ich damit erklären. „Wer bin ich ich? Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich bin viele.“ Es gibt nicht eine echte, authentische Identität und dann ein Verkleiden, was sich darauf aufbaut. Es ist alles. Eine Konstruktion und ich bin viele. Das ist der Ansatz, mit wir als Künstler und Forscher beginnen: „Was begehre ich zu sein. Wer wäre ich gern?“  Wenn man sich eine Drag Queen vorstellt, dann merkt man sofort, es hat nichts mit einer Kostümfrage zu tun. Im Theater gibt es einen Regisseur, der sagt dem Schauspieler „Bitte zieh das an“. Das muss aber nicht das identitäre Begehren dieser Person sein, diese Kleidung zu tragen. Eine Drag Queen tut das aber aus Begehren. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Kammerer: Frau Baehr, ich bedanke mich für das Gespräch.

Ein Rezension zu „Abecedarium Bestiarium“ von Antonia Baehr findet sich unter:
liveartfestival.wordpress.com/diegrinsekatze